Donnerstag, 2. März 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 20: Zofar (Hiob 22 – 28 in Auszügen)
Noch ehe ich Gott mein Leben anvertraut hatte und anfing die Bibel zu lesen, hatte ich schon etwas von Hiob und seinem Leiden gehört. Bald lernte ich auch, dass in seinem Buch lange Reden und Diskussionen geführt werden. Es wird debattiert, argumentiert und philosophiert.

Nun wollte ich auch einmal alle Kapitel genau lesen und mir Zeit nehmen, die Reden Hiobs und seiner Freunde zu analysieren. So bin ich nun bis zum Kapitel 28 gekommen. Da heißt:» ›Den Herrn stets ernst zu nehmen, das ist Weisheit. Und alles Unrecht meiden, das ist Einsicht.‹« (Hiob 28,18).

Heute möchte ich einige markante Aussagen aus den Kapiteln 22 bis 28 auswählen.

Was mich eigentlich veranlasste das Buch Hiob zu lesen war: Ich suchte Trost darin. Es gibt so viele Enttäuschungen, Schmerzen und Leid nicht nur bei Hiob sondern in jedem Leben - und es gibt wenig wirklich gute Tröster. Trost fand ich - nicht so sehr in den Reden und Argumenten der Freunde und auch nicht in Hiobs Worten; aber indirekt entdeckte ich den Trost in Hiob. In seinen Qualen, in seinen Gefühlsausbrüchen, seiner Ehrlichkeit, aber auch Selbstüberschätzung und schließlich in seiner Treue zu Gott. Wenn er auch das Handeln Gottes nicht verstehen konnte und als ungerecht und willkürlich empfand, blieb er Gott doch treu!

Ich wollte auch einmal wissen, wie man in Leid gefallene Freunde am besten trösten kann. Viele von uns haben sich nie Gedanken darüber gemacht wie man tröstet. Dabei warten so manche Menschen auf Trost; aber statt Trost bekommen sie Vorwürfe, Belehrung und Ratschläge wie es mit Hiob geschah. All zuviel Gutes über die Kunst des Tröstens konnte ich im Buch Hiob nicht finden.

Zum anderen wollte ich sehen, welche Erklärungen es für das Leid in der Welt gibt. Auch darum geht es in diesem Buch. Hiobs Freunde wussten darauf nur eine Antwort: »Das Leid ist die Strafe Gottes für deine Sünde. « Davon ließen sie sich nicht abbringen, trotz aller Beispiele die Hiob aufführte, um diese Behauptung zu entkräften. Hiob selbst konnten die langen Erklärungen und Geschichten der Freunde aber keineswegs zufrieden stellen; und so wie ihm wird es auch vielen Menschen heute gehen.

Weiter dachte ich, ich könnte erfahren, wie ein gläubiger Christ damit fertig wird, wenn er plötzlich alles verliert und eine ekelhafte Krankheit bekommt. Hiob ist das passiert - und was hat er getan? Er hat geklagt und gejammert, er hat die Schuld bei Gott gesucht, er hat den Tag seiner Geburt verflucht und eine gerechte Behandlung eingefordert. In dem Sinne war er kein Held, der mit einem Lächeln auf den Lippen die größten Qualen erträgt.

Ich hatte auch gehofft, in diesem Buch etwas Gotteserkenntnis zu finden. Wo ein Mensch so viel Leid erdulden muss und sich mit so frommen Freunden in aller Länge austauschen kann, da muss doch auch Weisheit und Gotteserkenntnis zutage treten. Dieses Buch Hiob wird ja auch zur Weisheitsliteratur der Juden gezählt.

Und wirklich, man kann hier zum Teil auf sehr originelle und anschauliche Weise allerhand über Gott erfahren. Es hat mich auch berührt, wie alle Beteiligten in diesem Buch darum ringen, Gott zu verstehen, seinen Plan und Willen zu erkennen, ihn zu respektieren, zu ehren, ja ihn zu verteidigen. Selbst die schweren Anklagen Hiobs zeugen immer noch von Vertrauen in Gott und von Ehrfurcht und Achtung.

Es war mir auch interessant zu sehen, wie die Menschen früher über Sünde, Vergebung, ewiges Leben, Himmel, Hölle und Erlösung dachten - und all die Themen, die im Neuen Testament entfaltet werden. Immerhin war Jesus noch nicht erschienen, es gab noch keine Bibel, keine Kommentare, Theologen, keinen Katechismus und all diese Dinge, auf die wir heute zurückgreifen können. Es ist schon erstaunlich, was Hiob und seine Freunde über Gott, die Sünde und Gerechtigkeit wussten; doch es ist auch traurig zu sehen, wie das Leben ohne das Evangelium so dunkel bleibt.

Nun habe ich vieles im Buch Hiob gelernt. Aber der Reden sind doch viele. Mit der Zeit gehen den Beteiligten langsam die Argumente aus. Sie wiederholen sich. Es scheint, als hört schon keiner mehr zu. Jeder verteidigt seinen Standpunk mit immer wieder kehrenden Behauptungen. Noch sind die Reden voller Beispiele und Bilder, die wohl alle richtig und interessant sind, die aber doch nicht stichhaltig sind und widerlegt werden können. So drehen sich die Gespräche im Kreis, es kommen kaum noch neue Gedanken dazu. Es ist schon alles gesagt. Man wird langsam müde vom Argumentieren und vom Zuhören.

Und das ist gut so. Irgendwann erreicht man bei allen unlösbaren Fragen den Moment, wo man sich sagt: »Jetzt ist es genug! Ich bin satt! Wir haben das Problem von allen Seiten beleuchtet. Ich habe meine Argumente vorgebracht und auch die Meinungen der anderen angehört. Nun sind wir an einem toten Punkt angelangt. Ich brauche mich über diese Sache nicht mehr zu ereifern! «

Es gibt ja auch heute noch theologische Fragen, auf die es keine einfache, eindeutige Antwort gibt. Schon Martin Luther hatte andere Erkenntnisse als die kath. Kirche. Aber auch das evangelische Lager stimmt nicht mit allen Lehrmeinungen Luthers überein. Da sind zum Teil die Frage des Abendmahls, oder der Taufpraxis oder unserem Verständnis des Volkes Gottes, wo es unterschiedliche Auslegungen gibt.

Als ich zur Bibelschule kam, hatte ich mich gerade bekehrt und war noch jung und unwissend im Glauben. Vieles, was ich da im Unterricht hörte, war mir neu und fremd. Weil die Mitschüler aus verschiedenen Gemeinden und Kirchen kamen, vertraten sie auch verschiedene theologische Richtungen und Erkenntnisse. Da gab es dann im Unterricht und nachher genug Stoff für Diskussionen.

Viele Stunden haben wir damit verbracht, uns untereinander von unseren Erkenntnissen zu überzeugen. Gegenargumente wollten wir nicht gelten lassen - und doch waren auch die anderen Einsichten wichtig für unsere geistliche Entwicklung. Wenn ich heute mit solchen Themen in Berührung komme, brauche ich mich nicht mehr zu ereifern. Die meisten Erklärungen habe ich schon einmal gehört - und ich weiß, dass ich mein Gegenüber nicht so leicht von meiner Sicht der Dinge überzeugen kann.

Aber ich habe auch gesehen, dass Menschen, die anders denken als ich, sehr ergebene, treue, brennende Christen sein können, die Jesus lieben und ihm von ganzem Herzen dienen. So sind der Austausch, die Diskussionen, die Debatten über das Handeln Gottes doch auch wichtig zu unserer Reife. Das habe bestimmt auch Hiob und seine Freunde erfahren. Wenn sie im Moment auch zu keiner Einigung gelangt sind, so haben sie doch viele Stunden über Gottes Handeln nachgedacht.

In den Kapiteln 22 - 28 finden wir im Wesentlichen die gleichen Argumente, wie schon vorher. Deshalb wähle ich nur einige Verse aus, die mir aufgefallen sind.

Elifaz sagt zu Hiob:

(22,2) »Wie kann ein Mensch für Gott von Nutzen sein! Sich selber nützt der Mensch, der Einsicht hat!

(22,3) Was bringt es Gott, wenn du das Rechte tust? Hat er Gewinn, wenn du vollkommen bist? « Hier ist der Gedanke für mich so überraschend: »Was bringt es Gott, wenn du das Rechte tust? «

Hiob behauptet ja immer wieder, dass er gerecht sei. Elifaz meint dazu, dass Gott deswegen noch lange nicht verpflichtet ist, Hiob dafür zu danken und ihn zu belohnen. All unser Gehorsam, das Halten der Gebote, die guten Taten nützen Gott ja eigentlich nichts. Er braucht nicht unseren Dienst, unsere Gaben, unsere Verehrung. Gott ist in sich selbst genug. Es bringt ihm keinen Gewinn, wenn wir vollkommen sind.

Ja es verursacht ihm noch nicht einmal einen Schaden, wenn wir sündigen, wenn wir rebellisch und ungehorsam sind, wenn wir an andere Götter glauben oder in Unmoral leben. Gott ist so groß und so souverän, dass ihm unser Verhalten, das gute, wie das böse, eigentlich nichts anhaben kann. Ob wir ihn lieben oder hassen, ob wir ihm glauben oder ihn verleugnen, das ändert nichts an seiner Heiligkeit, Macht und Herrlichkeit.

Und doch ist es Gott sehr wichtig, wie wir zu ihm stehen. Die Gebote, die er uns gegeben hat, sind ein Zeichen dafür, dass ER sich für uns, für unser Verhalten, für unser Wohlergehen interessiert. Alle Warnungen, alle Verheißungen, ja überhaupt das Reden durch sein Wort zeigt uns, dass Gott an einer guten Beziehung zu uns interessiert ist. Und weil das so ist, können unser Verhalten und unsere Worte Gott auch schaden oder nützen. Unser Gehorsam, unsere Liebe kann ihn erfreuen - unsere Sünde kann ihn verletzen und schmerzen.

Darüber hinaus kann unser Glaube, unsere Treue, unser Lob und Dank die Aufmerksamkeit der anderen Menschen auf ihn lenken. Unsere positive Einstellung zu Gott im Leiden, in Schmerz, Not und Verfolgung bringen ihm Ehre und vergrößern seinen Ruhm. In diesem Sinne nützt der Mensch sich nicht nur selber, wenn er Gott gehorcht und verehrt, sondern es bringt auch Gott einen Gewinn. Von daher müssen wir Elifaz antworten: »Doch, sogar ein kleiner, kranker, fehlerhafter, unvollkommener Mensch kann für Gott von Nutzen sein. «

In Hiob 23 finden wir noch einen interessanten Gedanken diesmal von Hiob. Da sagt er:

(23,13) »Doch Gott allein bestimmt – wer will ihn hindern? Was ihm gefällt, das setzt er einfach durch.

(23,15) Das ist es, was mich so erschrecken lässt. Sooft ich an ihn denke, zittere ich.

(23,16) Gott hat mir alle Zuversicht genommen; weil er so mächtig ist, macht er mir Angst.

(23,17) Gott ist's, der mich erdrückt, und nicht das Dunkel, auch wenn ich jetzt vor Dunkelheit nichts sehe.«

Hiob spricht es frei heraus, was wir wohl kaum zu sagen wagen: »Weil er so mächtig ist, macht er mir Angst. «

Dazu möchte ich drei Beobachtungen weitergeben.
1. Wir können froh sein, wenn es Menschen gibt, die vor Gott Respekt haben. Hiob kann noch vor Gott erschrecken und Angst haben.

Bei den Christen im Mittelalter war das auch so in Europa. Da hatten die Menschen Angst vor Gott, dem Allmächtigen, dem strengen Herrn und Richter. Oft hat die Kirche diese Angst noch weiter geschürt, um die Christen unter Kontrolle zu haben. Da war wenig Verlangen des Gläubigen nach Nähe zu Gott und Gemeinschaft mit ihm. Da war auch wenig Liebe und Zuneigung. Das war natürlich nicht gut und nicht richtig.

Aber langsam sind wir in den evangelischen Kirchen in das Gegenteil umgeschlagen. Wir fürchten uns überhaupt nicht mehr vor Gott. Vielen passt der Gott des Alten Testamentes gar nicht; er ist grausam, straft, droht, warnt und schickt Kriege und Katastrophen. Das Bild hat sich gewandet.

Für viele heute ist Gott der liebe, gütige Vater geworden, der nur Gutes tut, gnädig ist, vergibt, erlöst und unsere Bitten erfüllt. Das stimmt ja auch und ist schön und beruhigend. Aber deswegen dürfen wir die Ehrfurcht, das Erschrecken vor ihm nicht völlig ausklammern.

2.- Hiob sieht die Sache zu einseitig und zu dunkel. Klar, durch seine Verluste und Leiden ist er in eine große Krise geraten, und er kann den gnädigen, liebenden Gott gar nicht mehr erkennen. Er traut Gott nichts Gutes mehr zu, ja er fürchtet noch mehr Plagen, Leiden und Dunkelheit, denn er glaubt: »Gott allein bestimmt – wer will ihn hindern? Was ihm gefällt, das setzt er einfach durch. « Und das kann auch vernichtend sein - ab er es muss es nicht. Gott kann seine Allmacht ebenso gut auch zum Segen für uns einsetzen.

3.- Gott ist mächtig und groß, sagt Hiob mit Recht, aber er will uns mit seiner Macht nicht erdrücken, vernichten, verängstigen oder von ihm weg treiben. Gott liebt uns ja, er ist uns gnädig gesinnt, Er will uns erretten und erlösen. Dazu hat er die Macht und den guten Willen. Dazu hat er seinen Sohn geopfert.

Wenn wir in Not geraten sind, denken wir bald so wie Hiob: Es ist Gott, der mit mir macht, was er will, und das scheint nichts Gutes zu sein. Darum fürchten wir uns vor IHM. Dabei sollte uns die Not daran erinnern, dass es einen Erlöser gibt. Oft kann eben nur noch einer helfen, der wirklich stark ist und der durchsetzen kann, was ihm gefällt. Weil Gott so mächtig ist und niemand ihn hindern kann (Gutes zu tun und uns zu helfen.) sollten wir nicht Angst, sondern Hoffnung und Zuversicht haben.

Im Kapitel 27 beschreibt Hiob noch einmal, wie Gott diejenigen bestrafen wird, die ihn verlassen. Über den Gottlosen sagt er da:

(27,9) Wenn er in Not gerät und beten will, wird Gott auf seinen Hilfeschrei nicht achten.

(27,10) Er hätte immer bei Gott Freude suchen und zu ihm beten sollen, nicht erst jetzt!«

Nun glaube ich, dass Gott auch auf die Bitte eines Menschen achtet, der bisher nichts von Gott wissen wollte. Wenn er aber in Not gerät, dann sucht er bei seinem Schöpfer Hilfe und Beistand. Das ist natürlich und viele Atheisten sind schon durch die Not zu Gott getrieben worden.

Aber was Hiob hier andeutet ist durchaus wahr und beachtenswert. Auch wir sollten immer daran denken: »Der Verzweifelte hätte immer bei Gott Freude suchen und zu ihm beten sollen, nicht erst jetzt! «

Wir sollen also mit unserer Suche, mit unseren Gebeten, mit unserem Glauben nicht warten bis es sehr dringend ist. Es gibt keine Garantie, dass wir uns dann noch an Gott erinnern und die Verbindung zu ihm finden werden. Deshalb ist es richtig: »Er hätte immer zu Gott beten sollen, nicht erst, wenn es ganz dringend ist. « Daran wollen wir denken und in guten wie in bösen Zeiten, die Gemeinschaft mit Gott pflegen und zum ihm beten.

Es ist schon so, wie Hiob im Kap 28 sagt: „Den Herrn stets ernst zu nehmen, das ist Weisheit. Und alles Unrecht meiden, das ist Einsicht.“

Wir beten:
Herr, wieder danken wir für das Zeugnis des Hiob. In seinem Leiden hatte er auch viele geistliche Kämpfe, Fragen und Zweifel. Doch immer hat er sich in seinen Gedanken mit Dir beschäftigt und nach Deiner Gerechtigkeit, Erlösung und Liebe gesucht. Hilf uns auch, im Leiden treu zu sein. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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