Donnerstag, 2. März 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 15: Hiob spricht (Hiob 13,1-24)
Manchmal ist auch der frömmste Mensch mit Gott nicht einverstanden. Er möchte gerne glauben und gehorchen - aber er fühlt sich ungerecht behandelt, missverstanden und ohnmächtig seine Lage zu ändern.

So ging es Hiob. In seiner Rede in Kapitel 13 kommt sein ganzer Frust und Ärger über seine Leiden zum Ausdruck - und er sagt, was er fühlt und denkt. Ich vermute, dass mancher von uns gelegentlich ähnliche Empfindungen und Fragen hat, aber als gottesfürchtige Christen hätten wir Hemmungen, so frei darüber zu sprechen.

In den ersten Versen dieses Kapitels macht Hiob seinem Ärger über seine Freunde Luft. Er sagt:

(13,1) »Was ihr so redet, hab ich längst gehört, ich hab es selbst gesehen und mir gemerkt.

(13,2) Was ihr da wisst, das weiß ich allemal, darin nehme ich es gerne mit euch auf! - Ihr selbst seid ratlos, deckt es zu mit Lügen; Kurpfuscher seid ihr, die nicht heilen können!

(13,5) Es wäre besser, wenn ihr schweigen würdet, dann könnte man euch noch für weise halten! «

Das sind ziemlich harte Wort gegen Männer, die eigentlich Freunde sind und nur helfen und trösten wollen. Ich glaube, ich hätte nicht den Mut, meinen Besuchern so deutlich die Meinung zu sagen. Sicher, der an Leib und Seele leidende Hiob war frustriert, sehr frustriert. Unter solchen Bedingungen sagt man schon mal Worte, die man unter normalen Umständen zurückhalten könnte.

Aber ist es besser, seine Enttäuschung und seinen Ärger zu verbergen und zu verdrängen? Ich vermute, dass manch ein Gemeindeglied mit den Ratschlägen und Trostworten seines Pastors oder eines Freundes nicht einverstanden ist.

Vielleicht waren die Bemerkungen wirklich nur oberflächlich und lieblos. Doch selten findet jemand den Mut, das auch seinem Pastor oder einem Bruder ehrlich und schonungslos zu sagen. Viel öfter ärgern wir uns im Stillen über den leichtfertigen Trost, ziehen uns zurück oder reden hinter dem Rücken unserer Geschwister schlecht über sie.

Vielleicht ist beides nicht richtig. Weder die offene Konfrontation mit harten Anschuldigungen, noch das Verdrängen oder das Verbergen der wahren Gedanken und Gefühle. Aber es könnte helfen, wenn man erst einmal eine Nacht über die Provokationen schläft und betet und dann in Ruhe die Dinge anspricht.

Hiob hat noch eine Vermutung, warum seine Freunde ihn angreifen und ihm seine Sünden nachweisen wollen. Er drückt es selber so aus:


(13,7) »Tut ihr's für Gott, wenn ihr so schamlos lügt? Wollt ihr zu seinen Gunsten mich betrügen?

(13,8) Warum ergreift ihr denn Partei für ihn? Müsst ihr ihn etwa vor Gericht vertreten? «

Ja, die Freunde ergreifen Partei für Gott, sie wollen ihn verteidigen. Auch sie lieben ihren Herrn und wollen nicht, dass er missverstanden oder angeklagt wird. Dabei sind sie wohl auch etwas zu weit gegangen. Sie hören nicht wirklich auf das Anliegen, die Fragen und das Problem des Hiob. Ihnen ist nur daran gelegen, Gott zu verteidigen.

Wer von uns hätte nicht auch schon versucht, sich hinter das Handeln und die Aussagen Gottes zu stellen? Das kann aus Liebe zu Gott geschehen, aber doch bei unseren Mitmenschen nicht gut ankommen. Sicher freut es Gott und ehrt ihn, wenn wir ihn verteidigen und uns für ihn einsetzen, aber letztendlich können und brauchen wir Gott nicht zu verteidigen. Er kann es selbst viel besser als wir.

Nachdem Hiob seinem Ärger über seine ratlosen Freunde Luft gemacht hat, erklärt er, was er eigentlich will. Er sagt in Vers. 18: »Ich bin bereit, den Rechtsfall vorzutragen. Ich bin im Recht, das weiß ich ganz genau! «

Also Hiob möchte sich vor einem Gericht aussprechen. Er möchte seine Argumente vorbringen, seine Gedanken darlegen. Er möchte angehört werden. Das geht wohl vielen Menschen so, die durch eine Krise oder Probleme gehen. Oft ist es nur das, was eine leidende Person möchte: von jemandem angehört und verstanden zu werden.

Doch Hiob konnte das Gefühl nicht loswerden, dass sich niemand die Mühe machte, seine Klagen anzuhören. Offensichtlich dachten die Freunde schon bei jedem Satz Hiobs darüber nach, was sie ihm entgegnen könnten. Sie legten ihre Argumente zurecht, noch ehe Hiob ausgeredet hatte.

Auch ich habe manchmal den Eindruck, als ob die Personen, denen ich von meinen Problemen erzählen möchte, mich mit leeren Augen anschauen. In ihrem Gehirn arbeitet es schon. Sie denken gleich: »Das stimmt nicht, was der da sagt! « oder »Er ist selbst schuld an seiner Situation! « oder »So schlimm, wie er es da macht, ist es doch wohl nicht. Andere Leute haben es noch viel schwerer; sie haben noch viel mehr mitgemacht. « oder sie vergleichen sich und sagen: »Ja genauso wie Hiob ist es mir auch schon gegangen. Da muss man durch! «

Hiob sagt zu seinen Freunden, nachdem er eine Weile ihre Ablehnung gespürt hat:

(13;13) »Seid still, lasst mich in Ruh! Jetzt rede ich! Was daraus wird, das ist mir völlig gleich!

(13,14) Und wenn ich mich um Kopf und Kragen rede: Ich bin bereit, mein Leben zu riskieren.

(13,17) Nun hört euch an, was ich zu sagen habe, dass ihr begreift, was ich erklären will!«

Hiob ist todesmutig entschlossen, seine Argumente und Erklärungen vorzubringen. Er möchte nur endlich einmal angehört und verstanden werden. Er möchte, dass mal jemand begreift, was er alles verloren hat, wie groß seine Schmerzen sind und wie tief seine Trauer. Aber keiner hat ein Wort des Mitleids, niemand scheint auf seine Gefühle zu achten.

Hiob möchte auch, dass doch mal endlich jemand versteht, dass er ein reines Gewissen hat, dass er sein Leben lang versucht hat Gott zu gefallen. Er möchte, dass jemand anerkennt welche Mühe er sich gegeben und was es ihn alles gekostet hat. Dieser leidende Mann braucht Anerkennung, Empathie, Mitgefühl, Verständnis. Aber das ist überall schwer zu finden. Wie viele Menschen mag es in unserer Gemeinde geben, die auf ein Wort des Mitgefühls, der Anerkennung und des Trostes warten und stattdessen theologische Erklärungen oder gar Anschuldigungen und Zurechtweisungen erhalten.

Hiob wünscht sich so sehr, dass jemand sich in seine geistlichen Kämpfe hineinversetzt, diese Fragen, das Suchen nach Erklärungen, dieses Schwanken zwischen Vertrauen wollen und doch Zweifeln müssen. Er sehnt sich danach, dass mal jemand versteht, wie schwer der Kampf ist und wie mutig und tapfer er ihn gekämpft hat. Aber statt Anerkennung, Bewunderung und Lob bekommt er Spott und harte Anschuldigungen.

Das geschieht wohl überall. Wenn bei uns ein Bruder oder eine Schwester in der Gemeinde einen ähnlichen inneren Glaubenskampf ausfechten muss, sind auch wir leicht geneigt, sie zu verurteilen. »Wer Zweifel und Kämpfe hat, der sollte lieber Buße tun und um Erweckung beten, « so denken dann manche lieben Geschwister.

Ich will nicht sagen, dass ein zweifelnder Christ nur Mitleid und nicht auch Buße braucht - aber ich finde es wichtig, erst einmal richtig zu zuhören, was er sagt und wie er es meint, bevor wir ein Urteil fällen und einen Ausweg anbieten.

Bei allem, was Hiob gerne ansprechen möchte, seine Kämpfe, Ängste und Leiden: er fühlt sich gehemmt. Er sagt:


(13,18) »Ich bin bereit, den Rechtsfall vorzutragen. Ich bin im Recht, das weiß ich ganz genau!

(13,20) Nur dies, mein Gott, erbitte ich von dir, damit ich offen vor dich treten kann:

(13,21) Zieh deine schwere Hand von mir zurück und fülle mich nicht mehr mit Angst und Schrecken.

(12,22) Dann klage an und ich will Rede stehen. «

Hiob glaubt, die Voraussetzungen für ein offenes Gespräch, für eine nüchterne Verteidigung und Rechtfertigung sind jetzt nicht gegeben. Zu stark sind seine Schmerzen, zu groß seine Verwirrung, als dass er wirklich objektiv Rede und Antwort stehen könnte. Und damit hat er wohl recht.

Krankheit und Schmerzen machen oft ein klares Denken und Einschätzen einer Situation unmöglich. Ungerechte Anschuldigungen und unbeantwortete Fragen lassen Enttäuschung und Unzufriedenheit aufkommen, so dass einem die Sicht für die Tatsachen verdunkelt wird. Darum bittet Hiob Gott: »Zieh deine schwere Hand von mir zurück und fülle mich nicht mehr mit Angst und Schrecken. Dann klage an und ich will Rede stehen. « (Verse 21-22).

Vielleicht sollten auch wir daran denken: In einer schweren Krise ist man leicht geneigt, Worte zu sagen die man unter normalen Umständen nicht sagen würde. Das müssen wir Leuten zugute halten, die in dunklen Stunden ihres Lebens unvernünftig oder irrational handeln. Auch wir selbst müssen damit rechnen, dass unsere Argumente und Reden, unser Handeln und Reagieren in Krisenzeiten getrübt sein können. Deshalb ist es besser, sich im akuten Unglück zurück zu halten und abzuwarten. Es ist besser, jetzt keine großen Dispute oder Diskussionen anzufangen und schwere Entscheidungen und Veränderungen erst einmal zu verschieben.

Nun kommt dem Hiob noch eine Frage oder ein Gedanke, den viele Menschen im Leiden auch haben. Sie vergleichen ihre Schuld mit der empfangenen Strafe. Wenn sie schon die Krankheit, den Verlust, die Schmerzen als eine Art Erziehungsmaßnahme oder Strafe akzeptieren wollen - so fragen sie sich doch, ob die Proportionen stimmen können.

Hiob drückt es so aus:

(13,23) »Wie viele Sünden habe ich begangen? Wie groß ist meine Schuldenlast bei dir?

(13,24) Weshalb siehst du mich nicht mehr freundlich an und tust, als wäre ich dein Feind geworden? «

Hier räumt Hiob schon ein, dass er Sünden begangen hat, aber er meint, es waren nur wenige, kleine Sünden. Die Strafe, die er jetzt dafür bekommt sei übertrieben schwer und überzogen.

Mit diesem Gefühl ist Hiob nicht alleine. Die meisten Menschen würden wohl zugeben, dass sie nicht vollkommen sind - aber als so große Sünder sehen sie sich nun auch nicht. Sie haben nicht gemordet, nicht geraubt, nicht Kinder misshandelt, nicht einmal geflucht und gelästert. Da wäre doch eine ewige Verdammnis eine viel zu harte und überhöhte Strafe.

Was wir alle wohl nicht richtig verstehen ist, was Sünde dem Wesen nach eigentlich ist. Ob groß oder klein, schwer oder leicht, aus bösen oder guten Motiven, unter erdrückenden Verhältnissen oder leichtfertig: Jede Sünde ist Schuld vor Gott, ist Zielverfehlung, Ungehorsam, Rebellion! Und darauf steht bei Gott die Todesstrafe. Demnach ist das Leiden des Hiob noch lange nicht die volle Strafe für seine Schuld. Es ist vielleicht nur eine Prüfung oder eine Vorwarnung, die Dinge ernster zu nehmen.

Noch eine Frage hat Hiob wenn er sein Leiden mit seiner tatsächlichen Schuld vergleicht. Er empfindet plötzlich, dass Gott sich sehr viel Mühe mit ihm macht - aber nicht, um ihm ein angenehmes Leben zu bescheren, sondern um ihn zu demütigen, zu strafen, zu ängstigen und ihm Schmerzen und Leid zu zufügen. So viel Aufmerksamkeit und Kraftanstrengung ist er doch gar nicht wert. Hiob sagt wörtlich: »Was bin ich denn? Ein abgefallenes Blatt, ein dürrer Strohhalm, fortgeweht vom Wind. Doch ständig scheuchst du mich und jagst mir nach!« (Vers 25).

Auch wir haben manchmal den Eindruck: »Wer bin ich schon im Vergleich zu dem allmächtigen, allwissenden Weltenherrscher. Ein abgefallenes Blatt, ein dürrer Strohhalm. Gott sieht mich doch gar nicht, ER interessiert sich doch gar nicht für mich. Ich bin nicht wert, dass ER mir Gutes tut, meine Bitten erhört und mir seine Gnade zuwendet. Genau so wenig dürfte es Gott interessieren, was ich gerade mache. Was sind schon meine kleinen Sorgen, Übertretungen und Sünden für IHN. Sie tun ihm doch gar nicht weh. Mein Fehlverhalten, mein Ungehorsam kann doch diesem großen allmächtigen Gott wirklich keinen Nachteil bringen, sie können ihn doch nicht einmal berühren. «

»Warum«, so fragt sich Hiob, »muss Gott mich verfolgen, mich vor sich her scheuchen und mir mit seiner Disziplin das Leben so schwer machen? «

So betrachtet ist es unangenehm, dass Gott um jeden einzelnen kleinen Menschen weiß: um seine Fehler, Vergehen, seine Unterlassungen, seine Motive, seine fragwürdigen Handlungen. Es bedrückt uns, schränkt unsere Freiheit ein. Andererseits ist es aber auch tröstlich zu wissen: Gott kennt jeden Menschen auf der weiten Welt. Er weiß, was ihn bedrückt, was ihn quält, was er vermisst, was er leidet. Das heißt nicht, dass Gott alle Mühsal und Not von den Menschen fern halten muss und wird. Oft tut Er es und wir dürfen ihn auch immer wieder darum bitten. Aber vor allem nimmt unseren Schmerz wahr, er sieht ihn, er bewahrt unsere Tränen in seinem Gedächtnis - und zu gegebener Zeit kommt auch der Lohn dafür.

Hiob hat sich in seinem Schmerz immer wieder gefragt, wozu er leiden musste, ob Gott ihm da nicht Unrecht tat. Und es sah wirklich oft so aus, als ob all sein Glaube und sein Bemühen um ein anständiges Leben umsonst waren. Wenn wir jetzt aber diese Ausführungen in der Bibel lesen, dann finden wir in ihnen bis heute noch Trost, Verständnis und Antwort für uns auf manche Rätsel und Konflikte.

Wir beten:
Herr, wir danken Dir für diesen Hiob, der an unserer Stelle manche Fragen an Dich richtete und manche Klagen offen aussprach. Wir danken Dir für Deine Geduld mit Leuten wie wir. Wir bewundern Deine Weisheit, Liebe und Gerechtigkeit, selbst wenn wir sie nicht immer nachvollziehen können. Steh uns bei, erhalte unseren Glauben, wenn wir in Prüfungszeiten geraten, wie Hiob. Amen .

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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