Donnerstag, 23. Februar 2017
Predigtreihe über Amos– Teil 11 (Amos 7, 1 – 9)
Der Prophet Amos hatte keine leichte Aufgabe: Er musste dem Volk Israel seine Sünden vorhalten und Strafgerichte Gottes ankündigen. Dabei war er gar kein Priester oder König, sondern ein einfacher Bauer, der von seiner Herde weg zu einem geistlichen Amt berufen worden war. Mit seinen Strafpredigten machte er sich nicht gerade beliebt bei seinen Zuhörern. Und für ihn selbst muss es auch erdrückend gewesen sein, einen zornigen, strafenden Gott zu verkündigen. –

Aber nicht nur Amos hatte eine schwierige Aufgabe, sondern auch wir, die wir seine Botschaften lesen. In einer von unserem angelsächsischen Denken geprägten Kultur klingen seine Worte und Bilder fremd. Es fehlt uns der Aufbau, das System, die rhetorische Ordnung, die direkten, klaren, eindeutigen Aussagen. Dafür finden wir in seinem Buch Bilder, Visionen und streckenweise sehr detaillierte und emotionsgeladene Beschreibungen. Dazu kommt, dass wir das Volk, seine Denkweise, die Geographie und Politik der damaligen Zeit kaum kennen. Also ist es nicht verwunderlich, wenn wir hier einiges seltsam, fremdartig und für unser Verständnis vielleicht unlogisch, ausschweifend, poetisch oder gar mystisch empfinden.

Trotzdem ist das, was wir da lesen, Gottes Wort. Es ist für die Menschen in Israel 800 Jahre vor unserer Zeitrechnung geschrieben. Aber es gilt auch heute noch. Für Christen, die ihren Gott und seine Pläne, seinen Willen, sein Denken und Handeln verstehen wollen, ist es eine gute Übung sich auch mit den Kleinen Propheten zu befassen. Das wollen wir auch heute wieder tun. Im Kapitel 7 seines Buches fängt Amos an, einige Visionen zu beschreiben. Und wir wollen jetzt darauf achten, was diese Visionen sind und was daraus wird.

Der Bibeltext:

(7,1) „Hört, was der Herr, der mächtige Gott, mich schauen ließ: Ich sah, wie er einen Heuschreckenschwarm schuf. Es war nicht lange, nachdem das Gras für den König gemäht worden war; die Sommersaat ging gerade auf.

(7,2) Die Heuschrecken machten sich daran, alles Grün aufzufressen. Da sagte ich: »Herr, du mächtiger Gott, vergib doch deinem Volk! Wie kann es sonst überleben? Es ist ja so klein!«

(7,3) Dem Herrn tat es Leid und er sagte: »Gut, es soll nicht geschehen.«

(7,4) Dann ließ der Herr, der mächtige Gott, mich etwas anderes sehen: Er rief eine Gluthitze herbei, die zehrte alles Wasser auf. Als sie anfing, auch das Ackerland zu verzehren,

(7,5) sagte ich: »Herr, du mächtiger Gott, halt doch ein! Wie kann dein Volk sonst überleben? Es ist ja so klein!«

(7,6) Dem Herrn tat es Leid und er sagte: »Gut, es soll nicht geschehen.«

(7,7) Dann ließ der Herr mich wieder etwas anderes sehen: Er selbst stand auf einer Mauer aus Zinn und hielt einen Klumpen Zinn in der Hand.

(7,8) Er fragte mich: »Amos, was siehst du?« »Einen Zinnklumpen«, antwortete ich. Da sagte er: »Ja, ich werfe einen Zinnklumpen mitten in mein Volk Israel! Ich werde es jetzt nicht mehr verschonen.

(7,9) Die Opferstätten der Nachkommen Isaaks und die Staatsheiligtümer Israels sollen verwüstet werden und gegen das Königshaus Jerobeams werde ich mit dem Schwert vorgehen.«

Über diese Visionen wollen wir heute nachdenken. Amos sieht also, wie der Herr einen Heuschreckenschwarm ins Leben ruft. Wie das geschieht und was er da genau sieht, erklärt uns Amos nicht. Er weiß offenbar, dass dieser Heuschreckenschwarm keinen natürlichen Ursprung hat. Entweder gab es um diese Jahreszeit normalerweise keine Heuschrecken, oder sie entstanden auf geheimnisvolle Art vor seinen Augen.

Erwähnenswert erscheint ihm jedenfalls, dass diese Heuschrecken aufkamen, nachdem das Gras für den König gemäht war und die Sommersaat aufging. Vielleicht war das eine sehr ungewöhnliche Zeit für Heuschreckenschwärme – oder es war eine besonders sensible Zeit, wo außerordentlich viel Schaden entstehen konnte.

Die Heuschrecken, die wir ja noch aus dem Propheten Jonas kennen, machen sich gleich daran, alles Grüne aufzufressen. Amos begreift sofort, dass Gott hier ein Strafgericht vorbereitet. Es handelte sich ja um eine Vision, ein Ereignis also, das noch nicht stattgefunden hatte. –

Warum Gott nun Amos dieses Gericht offenbart, wird nicht erklärt – auch nicht, warum es kommt und in welchem Jahr. Der Prophet ist scheinbar sehr betroffen über die bevorstehende Katastrophe und den Schaden, den sie bringen wird. Ohne lange zu warten und viel zu überlegen wendet sich Amos gleich an Gott und sagt spontan: »Herr, du mächtiger Gott, vergib doch deinem Volk! Wie kann es sonst überleben? Es ist ja so klein!«

Im Vers 3 heißt es dann: 3 Dem Herrn tat es Leid und er sagte: »Gut, es soll nicht geschehen.«. Ohne, dass das Volk tatsächlich etwas von der drohenden Gefahr erfuhr, war die Katastrophe schon abgewendet. Der Prophet hatte Fürbitte getan und Gott hatte sich von seinem Vorhaben abbringen lassen.

Gleich anschließend an diese Episode folgt die Vision von der Gluthitze, die alles Wasser aufzehrt und eine schreckliche Dürre hervorruft. Auch hier lässt Gott von seinem Plan ab, weil der Prophet ihn darum bittet. Es ist also die gleiche Lektion wie bei den Heuschrecken.

Das Erstaunliche an diesen Berichten ist für mich, dass Gott sich von Menschen beeinflussen lässt und seine Meinung ändert. Er hat Gericht über Israel beschlossen und hat das auch oft angekündigt. Nun lässt er sich durch das kurze Gebet eines einzelnen Mannes umstimmen. Das ist schon eine ganz besondere Lehre, die wir in diesem Kapitel sehen können. Hier, schon im Alten Testament, lernen wir ewig gültige Wesenszüge Gottes kennen.

Aufgrund dieser Berichte im Buch Amos möchte ich einige Beobachtungen hervorheben, die auch für uns von Bedeutung sein können.

1.- Gott teilt den Menschen seine Absichten mit. Im Bild von den Heuschrecken, der Gluthitze und dem Zinnklumpen lässt Gott die Menschen wissen, was er vorhat. Uns erscheinen die Drohungen und Gerichtsprophezeihungen im Alten Testament furchtbar, deprimierend oder grausam.

Es sieht manchmal so aus, als wäre Gott immer nur zornig und hat unsere Bestrafung und Vernichtung im Sinn. Dabei sind die Worte der Propheten meist nur eine Bestätigung von dem, was alle Israeliten schon immer wussten nämlich, dass Sünde, Vergehen und Rebellion bestraft werden müssen. Allerdings gab es seit langer Zeit die Möglichkeit, der Strafe zu entgehen. Israel hätte nicht zu leiden brauchen, es hätte nicht das Gericht und die Katastrophen zu erdulden brauchen, wenn es selbst mit seinen Sünden ins Gericht gegangen wäre.

Gott wusste ja, dass die Menschen immer wieder seine Gebote übertreten würden. Er wusste, dass sie schwach waren, dass sie versucht und verführt wurden und dass sie selbst verderbliche Neigungen haben würden. Im Alten Testament hatte Gott seinem Volk den Altar, das Opfer und das Blut gegeben, damit ihre Sünden bezahlt werden konnten. Der Mensch, der Gottes Gebote übertreten hatte, konnte einen Stellvertreter wählen, der für ihn die Strafe trug. Das war das Opfertier. Es starb anstelle des Sünders. Dazu musste der Übertreter aber erst einmal seine Vergehen einsehen und sein Opfertier am Altar schlachten. Das war das Zeichen, dass er mit sich selbst ins Gericht gegangen war.

Im Laufe der Jahre verflachten die Moral und das religiöse Bewusstsein. Die Menschen kümmerten sich weder um den Willen oder die Gesetze Gottes, noch um die Vergebung ihrer Sünden. Um das Gesetz wieder zu stärken, das Bewusstsein für die Sünde zu schärfen und das Verlangen nach Reinigung zu wecken, musste Gott jetzt strafen. Aber bevor er das tut, kündigt er an, was er geplant hat. Wahrscheinlich hauptsächlich in der Hoffnung, dass den Abtrünnigen ihr Gewissen schlägt, dass sie Angst bekommen und zu ihm zurückkehren.

2.- Es gibt eine Möglichkeit, Gottes Pläne zu ändern. Das sagt sich so leicht, aber ich finde es eine ungeheuerliche Perspektive. Unser gesamter Glaube ruht auf der Voraussetzung, dass Gott seine Verheißungen, seine Versprechen und Prophezeiungen wahr macht. Und wir müssen uns absolut darauf verlassen können, sonst hat unsere Hoffnung keinen Grund. Egal, was kommt, Gott muss zu seinen Versprechen und Zusagen stehen.

Immer wieder wird in der Bibel und in Predigten bestätigt, dass Gottes Wort zuverlässig ist und er bestimmt hält, was er verspricht. Nun sehen wir hier bei Amos, dass Gott eine Strafe ankündigt, sie dann aber doch nicht ausführt. Natürlich hat er gute Gründe dafür, er ist Gott und kann handeln, wie er es für richtig hält. Er kann auch seine Meinung ändern ohne uns um Erlaubnis zu fragen.

Aber doch gibt uns das einesteils ein Gefühl der Unsicherheit. Fragen kommen auf: Sind denn unsere Sünden dann auch wirklich vergeben? Haben wir ewiges Leben, wie er es verheißen hat? Gibt es einen Himmel und eine ewige Herrlichkeit? Werden wir daran teilnehmen? All das hat Gott uns zugesagt! Wir glauben es und vertrauen darauf. Können wir wirklich ganz fest damit rechnen? - Andererseits ist jedoch Gottes Fähigkeit seine Pläne zu ändern, für uns eine ungeheure Chance. Wie viele Menschen sind schon, wie Israel hier, vor dem sicheren Verderben gerettet worden, weil Gott seine Pläne geändert hat, weil er Erbarmen hatte und die Menschen ihm leid taten.

Sicher gibt es Grundlagen, die Gott nie verändern wird, die ewig bestehen bleiben. Darauf können wir uns absolut verlassen. Dazu gehört das Erlösungswerk, die Vergebung, unser Heil. Aber es gibt Pläne, die Gott doch noch ändert. So bekommen wir manchmal eine zweite Chance, eine neue Gelegenheit Buße zu tun und vor dem Unheil bewahrt zu werden.

3.- Eine weitere Beobachtung: Das Gebet kann Gottes Pläne beeinflussen. Bei Amos war es das kurze Gebet: »Herr, du mächtiger Gott, vergib doch deinem Volk! Wie kann es sonst überleben? Es ist ja so klein!« Was mir auffällt ist, dass es nur ein kurzes, einfaches Gebet war. Keine langen Sündenbekenntnisse, keine Reuebeweise, kein Fasten und Weinen – nur ein einfaches Gebet.

Es gab keine große Gebetsversammlung, keinen Bußgottesdienst, kein landesweites Bitten um Gnade und kein Ringen um Vergebung – nur ein kurzes Gebet des Propheten. Ich will damit nicht sagen, dass Gebetsversammlungen und Bußtage unnötig seien. Es war eigentlich wünschenswert, dass ganz Israel, oder wenigstens all die Ausbeuter, Gesetzesübertreter und Gewalttäter im Volk sich schuldig bekannt hätten. Wir hätten gerne gesehen, dass die Leute in Sack und Asche Buße getan hätten. So wie die Bewohner von Ninive auf die Botschaft des Jonas reagierten, so hätte Israel reagieren sollen. Dann wäre es vielleicht verständlich gewesen, dass Gott sich hätte umstimmen lassen. Gott hätte gesehen, dass das gesamte Volk Leid trug über seine Verfehlungen und sich ändern wollte.

Aber in diesem Fall, haben die Schuldigen ja gar nichts von dem Vorfall, von der drohenden Gefahr und von Gottes Meinungsänderung gemerkt. Die Strafe ist an ihnen stillschweigend vorüber gegangen, dank des kurzen Gebetes des Propheten.

Weiterhin zeigt dieses Kapitel, dass Fürbitte sehr wirksam sein kann. Unter Fürbitte verstehen wir, dass jemand für einen anderen bittet. Früher war es die Aufgabe des Priesters, die Anliegen des Volkes vor Gott zu bringen. Er hatte als Mittler die Interessen der Menschen vor Gott zu vertreten. Darum betete er um Vergebung, um Heilung und um Segen für jedes Gebiet des Lebens. Heute ist es die Aufgabe eines jeden Christen in der Fürbitte für andere ein zu stehen: für die Familienangehörigen, die Gemeindeglieder, die Leidenden, Verfolgten, die Verirrten, Gebundenen und Verlorenen. Wohl in jeder Gebetsstunde einer Gemeinde werden auch Bitten für andere Menschen vorgebracht. Oft machen wir uns aber kaum Gedanken darüber, was das Gebet bewirkt. Viele rechnen gar nicht damit, dass sich nun wirklich etwas ändert. Aber jeder von uns ist in der Lage, Gottes Pläne durch Gebet zu verändern, anderen Menschen zu helfen und sie vor großer Gefahr zu bewahren.

Wenn wir nun im Propheten Amos lesen, dass ein kleines Fürbittengebet eine Plage abwenden kann, dann sollen wir uns darüber freuen und dankbar dafür sein. Wir sollen aber nicht denken, dass es grundsätzlich immer so einfach sei, der Strafe zu entgehen. In diesem Fall war es der Prophet Amos, der in einer spontanen Regung Gott um Schonung für das Volk bittet. Für uns würde das Gebet des Amos nicht viel helfen. Wir brauchen einen anderen Fürsprecher. Und den haben wir in Jesus. Er ist König, Priester und Prophet. Er vertritt uns vor Gott, er betet für uns.

Bei Jesus kommt aber noch mehr dazu als das Gebet eines Priesters um Vergebung und Bewahrung. Jesus hat selbst mit seinem Leben für unsere Schuld bezahlt. Darum ist sein Gebet auch wirksam. Er hat stellvertretend für uns die Strafe auf sich genommen. Aus diesem Grund bewahrt uns Gott vor dem ewigen Gericht. Er hat Jesus gerichtet. Nur darum werden wir nicht für unsere Verfehlungen bestraft.

So sehr wie Gott auch daran interessiert ist, dass wir nicht ins Gericht kommen und verdammt werden, so sehr ist er auch daran interessiert, dass sich unser Leben schon hier verändert. Wir sollen ja nicht in der gleichen, gottlosen, gewalttätigen, unmoralischen, egoistischen Weise weitermachen. Unser Leben soll mit Gott und seinen Gesetzen in Harmonie verlaufen. Das geschieht aber nicht ohne unser Zutun oder wenigstens unser Einverständnis. Wir können nicht damit rechnen, dass wir uns einfach so, ohne unser Wissen und Wollen verändern. Ebenso wird uns Jesus auch nicht ohne unser Wissen und Wollen erlösen. Darum sollen wir tun, was Israel nicht tat, nämlich Buße. Wir sollen unser Versagen zugeben und Jesus bitten, dass er unsere Strafe trägt und bei Gott für uns eintritt.

Wenn wir Amos, die kleinen Propheten, die Bibel überhaupt verstehen wollen, dann können wir es nur, wenn wir erkennen, dass wir alle Sünder sind und Strafe verdienen. Gott erinnert uns durch sein Wort daran, wie wir leben sollen. Er zeigt uns auch den Weg zur Vergebung und die Kraft zu einem Wandel nach seinem Willen.

Wir beten:
Herr, wir sind alle Sünder und schuldig vor Dir. Danke, dass Du Jesus gesandt hast, damit er unsere Schuld trägt. Hilf uns in Dankbarkeit Dir zu gehorchen und in Harmonie mit Dir und Deinem Gesetz zu leben. Amen

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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