Mittwoch, 4. September 2013
Als die Kette zerriss
Eine wahre Geschichte aus Äthiopien

Es ist Nacht in der kleinen Stadt im Süden Äthiopiens. Hier und da schreit ein aufgescheuchter Vogel. Eine Hyäne heult in der Ferne. Im schwachen Mondlicht erkennt man die Umrisse eines Gefängnisses. Zwei Wachposten stehen davor. Dicht gedrängt liegen etwa zehn Gefangene in einem kleinen Raum auf dünnen Strohmatten. Der Lehmboden ist schmutzig, die Luft dick zum Zerschneiden. Da huscht eine Ratte — und hier noch eine! Eine Kette rasselt. Ein Fluch hallt durch die Nacht.

In einer Ecke kauern zwei Gestalten — ein Junge, kaum mehr als fünfzehn Jahre alt und ein älterer Mann. Der ältere Mann ist ein Mörder. Schon fast zwei Monate sind die beiden mit einer schweren Eisenkette aneinandergekettet.

Der Junge versucht zu schlafen. Aber es gelingt ihm nicht. Immer wieder flucht der Mörder laut und erteilt ihm heftige, schmerzende Rippenstöße. Wanzen und Flöhe saugen ihm das Blut aus den Adern.

All das macht ihn von Tag zu Tag trauriger. Und dann die Gedanken! Einer jagt den anderen: Was wird aus mir? Muss ich auch sterben wie viele andere? Werden sie mich erschießen? Und was ist mit Vater und Mutter? Leben sie noch? Heiß laufen ihm die Tränen über die Wangen. „Wie lange halte ich noch durch, wie lange?“, schluchzt er.

Wieder steht jener Tag vor seinen Augen, als das Unglück geschah. Die Gemeinde hatte sich zum Gottesdienst versammelt. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Schwer bewaffnete Polizisten drangen ein. Laut schrieen sie in die Menge: „Wir werden euch zeigen, wer in diesem Land Gott ist! Unser Gott heißt Fortschritt und Wohlstand. Euer Gott ist tot. Und ihr werdet bald ebenso tot sein wie er!“

Gewaltsam ergriffen sie einige Christen, pferchten sie wie Vieh auf einen Lastwagen und transportierten sie ab ins Gefängnis. Auch ihn, Tesfai, hatte es erwischt. Absichtlich verteilte man die Christen auf verschiedene Gefängnisse. Sie sollten keinen Kontakt miteinander haben.

Ein kurzes Verhör folgte. Zitternd stand Tesfai vor dem Kommandanten. Groß und breitschultrig mit kleinen, blitzenden Augen und einer riesigen, platten Nase sah er aus wie ein Ungeheuer. Seine Worte schlugen wie ein Hammer auf den Jungen ein: „Mensch, Du bist noch so jung! Sag diesem Jesus ab, und du bist frei!“

Tesfai brachte kein Wort heraus. Sein Hals war wie zugeschnürt. Jetzt brüllte der Kommandant noch lauter: „Junge, merkst du nicht? Es geht um Dein Leben! Sag, daß du an diesen Quatsch nicht mehr glaubst, und niemand wird Dir ein Haar krümmen!“

Fest schaute Tesfai den großen, wutentbrannten Mann an. Sein Herz klopfte wild. Schweißperlen rannen über sein Gesicht. Jesus absagen? Den verleugnen, der sein Leben für ihn gegeben hatte? Nein, niemals! Leise, aber klar und deutlich bekannte er: „Ich kann nicht.“ So führte man ihn ab und kettete ihn an den Mörder.

Ein paar harte Maiskolben und abgestandenes, schmutziges Wasser waren alles, was man ihm zu essen und trinken gab.

Wie elend fühlte Tesfai sich oft und wie verlassen! Aber manchmal spürte er die Nähe Jesu auch ganz deutlich. Dann begannen all die Bibelverse, die er einmal in der Sonntagsschule gelernt hatte, wie ein Sonnenstrahl in seine dunkle Zelle hineinzuleuchten.

Jedes Mal, wenn Tesfai niederknien wollte zum Gebet, peng — kam wieder ein Rippenstoß. Aber wenn er zu singen begann, dann fluchte der Mörder nur noch leise, und manch ein Gefangener wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augen. „Sing weiter, Junge!“, baten sie. „Sing von Jesus! Bete für uns!“

Und immer öfter flüsterten sie ihm zu: „Erzähl uns etwas von diesem Jesus!“ Das mussten sie Tesfai nicht zweimal sagen. Eine Geschichte nach der anderen erzählte er, alles, was er einmal gelernt hatte.

Die ersten Gefangenen begannen, an Jesus zu glauben. Andere kamen hinzu und baten: „Zeigst du uns auch den Weg zu Jesus?“

Seltsam, nach einiger Zeit schien irgendetwas anders zu werden in der engen, stinkenden Gefängniszelle. Der Durst quälte wie immer, die Flöhe saugten weiter das Blut ihrer Opfer, die Ketten schmerzten. Aber auf vielen Gesichtern lag ein Schimmer von Hoffnung, ja, sogar Freude.

Verärgert versuchten die Wächter, Tesfai zum Schweigen zu bringen, aber immer häufiger blieben sie selbst stehen und lauschten. Die Tage gingen dahin, ohne daß jemand freigelassen wurde.

Dann und wann führte man einen ab. Schüsse fielen. Erschrecken ging durch die Reihen der Gefangenen. Wer wird der nächste sein?

Während Tesfais Gedanken noch einmal zu all den furchtbaren Ereignissen der letzten Wochen zurückwandern, überfällt ihn erneut eine unsagbare Angst. Das Heimweh brennt in seinem Herzen. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn.

„Oh, Herr Jesus“, fleht er, „ich kann nicht mehr. Halt du mich fest, bitte!“

Da spürt er einen stechenden Schmerz am Knöchel. „Oh, diese Kette!“ Eine tiefe Wunde hatte sie ihm ins Bein gerieben. Doch was ist das? Plötzlich lässt der Schmerz nach. Er fühlt die Kette nicht mehr. Vorsichtig tastet er nach ihr und erschrickt. Sie ist gerissen.

Er sieht sich um. Der Mörder schnarcht. Auch die anderen scheinen zu schlafen. Er reibt sich die Augen. Vielleicht träumt er nur. Nein, sie ist wirklich gerissen. Bedeutet das nicht: Er ist frei? Ja, er ist frei! Sollte er fliehen? Warum nicht? Hinter dem Haus — daran erinnert er sich noch genau — ist dichtes Gebüsch. Wenn er sich ganz leise herausschleicht ... vielleicht schlafen die Wachposten gerade ... Bevor ihn jemand vermisst, wird er weit fort sein.

„Halt!“, mahnt ihn plötzlich eine innere Stimme, „denk an die anderen Gefangenen! Es wird ihnen schlecht ergehen, wenn Du fliehst. Willst Du das?“Tesfai zögert. Oh nein, das will er nicht, ganz bestimmt nicht. „Ach, Herr Jesus“, betet er leise, „dann hilf du mir jetzt — irgendwie!“

Fiebernd wartet Tesfai auf die nächste Wache. Und er wartet auf Gott. Was wird Gott jetzt tun? Das Herz schlägt ihm bis zum Hals. Kaum wagt er zu atmen. Der Wachposten kommt. Er tritt näher. Noch einen Schritt. Nun steht er vor ihm. Der Junge zeigt auf die zerrissene Kette.

Weit reißt der Wächter die Augen auf, als müssten sie ihm jeden Augenblick aus dem Kopf fallen. „Das — das —ja, das ist ja unmöglich!“. flüstert er entsetzt. Noch einmal leuchtet er mit der Taschenlampe. Kein Zweifel! Die stärkste Eisenkette, die sie besitzen, ist einfach gerissen.

Ängstlich, als sähe er Gespenster, schaut er sich nach allen Seiten um. Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Er schüttelt den Kopf und befiehlt scharf: „Verhalt Dich ruhig, Junge! Wehe Du versuchst zu fliehen! Hast Du verstanden?“ Tesfai nickt.

Minuten verstreichen wie Stunden, endlos. Wild kreisen die Gedanken in seinem Kopf. „Was werden sie mit mir tun! Erschießen? Allerlei Gründe könnten sie finden, um zu beweisen, daß ich die Kette mutwillig zerriss.“

Er verbirgt das Gesicht in seinen Händen und weint. Auf einmal fühlt er Jesus ganz nahe, als stünde er neben ihm und sagt: „Hab keine Angst! Ich bin bei dir alle Tage — und ganz besonders jetzt.“

Der Zelleneingang wird doppelt streng bewacht. Sonst geschieht nichts. Als die Dämmerung anbricht, hört Tesfai Schritte. Ohne ein Wort zu sagen, greifen sie ihn und schieben ihn aus der Zelle.

Jetzt steht er wieder vor dem breitschultrigen Kommandanten mit den kleinen, blitzenden Augen. Tesfai wagt nicht aufzusehen. Er zittert wie Espenlaub.

„Hör zu, Junge!“, beginnt der Kommandant. Seine Stimme klingt merkwürdig gütig und gar nicht mehr so laut. „Was heute Nacht passierte, geht nicht mit rechten Dingen zu. Unsere sicherste Kette ist zerrissen — einfach zerrissen! Und wie der Wächter mir sagt, trifft Dich keine Schuld. Höchst seltsam ist das alles!“

Er macht eine Pause. „War es am Ende Dein Gott ... nun, ich meine, könnte es sein, daß er die Kette...? Wer weiß! Du hast Deinem Gott vertraut. Vielleicht war er es, der Dir geholfen hat. Darum möchte auch ich Dir helfen. Ab heute bist Du — frei.“

Wie vom Blitz getroffen steht Tesfai da.“Frei?“ Er kann es nicht fassen. Dann huscht ein Lächeln über sein bleiches, abgemagertes Gesicht. Der Kommandant fährt fort: „Junge, Du hast nie geklagt, nie geflucht. Alle Achtung! — Sag mal, kannst Du schreiben?“ Tesfai nickt eifrig. »Wir würden Dich gern hier behalten. Du kannst uns in der Gefängnisverwaltung helfen. Und — ab und zu darfst Du auch nach Hause. Einverstanden?“

Tesfai meint zu träumen. Tief verbeugt er sich. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ein dicker Kloß steckt ihm im Hals — vor Freude oder Aufregung oder was auch immer.

Endlich antwortet er: „Danke, danke. Ich tue alles, alles, was Sie von mir fordern.“
Tesfai ist frei.

Und nun reiht sich ein Wunder an das andere. Tesfai schreibt nicht nur die Gefängnispost. Er lehrt auch die Gefangenen Lesen und Schreiben. Er verbindet ihre Wunden und hilft ihnen, wenn sie krank sind. Jede freie Zeit nutzt er, um ihnen Geschichten aus der Bibel zu erzählen. Niemand hindert ihn daran. Am liebsten erzählt Tesfai die Josefgeschichte. Warum? Weil er selbst erlebt hat, wie Gott ihn auf wunderbare Weise aus dem Gefängnis befreite.

Wirklich, Gott verändert sich nicht. Er kann auch heute noch Wunder tun. Es kommt nur darauf an, ihm treu zu bleiben.

Aus: Die Nacht der Trommeln, Missionsgeschichten aus aller Welt, Herausgegeben von Evelyn Herm, Rechte: Hänssler-Verlag und DMG (www.DMGint.de)

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