Donnerstag, 2. März 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 19: Versöhnung (Hiob 18 - 22 in Auszügen)
In den letzten beiden Predigten habe ich mich mit der Krankheit des Hiobs und seinen Folgen beschäftigt. Sein Leiden und seine Schmerzen erklären manche seiner aggressiven Reaktionen, unüberlegten Argumente und emotionalen Turbulenzen.

In den folgenden Kapiteln wird nicht mehr viel Neues gesagt. Bildad von Schuach macht im Kapitel 18 noch einmal seine Sicht der Dinge sehr anschaulich klar, wenn er beschreibt, wie es den bösen Menschen geht.

Er sagt da:

(18,11) »Von überall bedrängen ihn die Schrecken, sie jagen ihn auf Schritt und Tritt in Angst.

(18,12) Der Hunger raubt ihm seine letzte Kraft, das Unglück ist sein ständiger Begleiter.

(18,13) Und auch die Krankheit kommt, des Todes Tochter, lässt seine Haut und seine Glieder faulen.«

Und so zeichnet er mit orientalischer Bildersprache das Ende eines gottlosen Menschen. An seinem Standpunkt hat sich jedoch nichts geändert. Bildad will Hiob überzeugen, dass böse Menschen ein böses Ende nehmen. Und Hiob versteht das immer wieder als eine Anspielung auf seine Situation und als eine falsche Anschuldigung. Weil es ihm schlecht geht, muss er wohl ein schlechter Mensch sein, sagen die Freunde.

Doch Hiob wehrt sich vehement gegen diese Auslegung. In Kapitel 19 schildert er noch einmal ausführlich seine Krankheit und die Ausgrenzung und Demütigung die das mit sich bringt. Seine Ansicht ändert sich aber auch nicht. Er drückt es so aus:

(19,5) » Ihr aber spielt euch auf als meine Richter, nehmt meine Leiden als Beweis der Schuld. Seht ihr nicht ein, dass Gott mir Unrecht tut? Mit einem Netz hat er mich eingefangen. «

Hiob fasst hier kurz zusammen, was immer wieder im Raum steht: Die Freunde nehmen Hiobs Leiden als Beweis für seine Schuld; dieser aber meint, dass Gott ihm Unrecht tut. Das Argument bleibt gleich, auch noch in den folgenden Kapiteln. Einzig die Qualen Hiobs werden noch bildhafter und ausführlicher beschrieben und die Folgen der Sünde werden von den Freunden noch drastischer ausgemalt. - Auch der dritte Freund, Zofar von Naama stimmt in Kapitel 20 in den Refrain der anderen ein: »Den Verbrecher trifft die wohlverdiente Strafe.«

In Kapitel 21 widerlegt Hiob die Reden seiner Freunde damit, dass er ausführlich und sehr anschaulich beschreibt, wie es den Bösen doch so gut geht.

(21,7) »Warum lässt Gott die Bösen weiterleben? Sie werden alt, die Kraft nimmt sogar zu.

(21,8) Gesichert wachsen ihre Kinder auf, mit Freuden sehen sie noch ihre Enkel.

(21,9) Kein Unglück stört den Frieden ihrer Häuser, sie kriegen Gottes Geißel nie zu spüren.

(21,12) Sie singen laut zu Tamburin und Leier, sind voller Fröhlichkeit beim Klang der Flöte.

(21,13) Im Glück verbringen sie ihr ganzes Leben und sterben einen sanften, schönen Tod.«

Das ist es, was Hiob an den Gottlosen beobachtet.

Durch Elifas von Teman kommt am Ende des 22. Kapitels noch einmal ein neuer Gedanke in die Diskussion. Er sagt zu Hiob.

(22,21) »Hör endlich auf, in Gott den Feind zu sehen, und söhne dich doch wieder mit ihm aus! Nur so wirst du dein Glück zurückgewinnen. #

(22,22) Wenn er dich unterweist, dann nimm es an, behalte jedes Wort in deinem Herzen!

(22,23) Kehr um zu ihm, dann richtet er dich auf.

(22,26) Dein Gott ist dann die Quelle deiner Freude und voll Vertrauen blickst du zu ihm auf.

(22,27) Er gibt dir Antwort, wenn du zu ihm betest; dann wirst du dein Gelübde froh erfüllen.

(22,28) Was immer du beschließt, es wird gelingen; auf allen deinen Wegen wird es hell.«

Diesmal versucht Elifas nicht den Hiob davon zu überzeugen, dass er Sünde in seinem Leben haben muss. Er sagt auch nicht, dass Hiob selbst Schuld an seinem Leiden hat. Vielmehr bittet er seinen Freund, sich mit Gott zu versöhnen. Bisher hatte Hiob viel an Gott zu kritisieren, er war unzufrieden mit seinem Schöpfer. Er ärgerte sich über ihn und war zornig. Er wollte Gott vor Gericht holen und schuldig sprechen lassen. Er machte Gott für seine Krankheit und Schmerzen verantwortlich.

Nun sagt Elifas: »Hör endlich auf, in Gott den Feind zu sehen, und söhne dich doch wieder mit ihm aus! « (Hiob 22,21) Das ist eine bemerkenswerte Wende in den Diskussionen. Was Elfas meint ist: »Auch im Leid ist es möglich, Gott zu vertrauen und ihn zu lieben. «

Dafür gibt es sehr viele Beispiele: Denken wir an Josef im Alten Testament. Er wurde von seinen Brüdern gehasst, verspottet und als Sklave verkauft. In Ägypten kam er unschuldig ins Gefängnis und schien von Menschen und Gott verlassen zu sein. Doch offenbar haderte er nicht mit Gott, beschuldigte ihn nicht, er behauptete auch nicht seine Unschuld und verwies nicht auf die ungerechte Behandlung, die Gott zuließ. Josef zeigte, dass man auch im Gefängnis, bei Demütigung und schlechter Behandlung Gott treu bleiben kann. Im geeigneten Moment konnte er seinen Mitgefangenen die Botschaft Gottes sagen.

Oder sehen wir uns David an. Er wurde vom König Saul verdächtigt, falsch beschuldigt und verfolgt. Er musste fliehen, war ständig in Lebensgefahr und führte zeitweise ein ärmliches, entbehrungsreiches Dasein. Da wäre Grund genug gewesen, aufzubegehren, sich zu beklagen, Gott zu beschuldigen, sich vom Glauben abzuwenden. Aber David vertraute Gott, betete, hoffte und gehorchte. Sicher hatte David auch seine Fragen und Kämpfe mit den Führungen Gottes. Er konnte das auch nicht so einfach und fröhlich wegstecken. Aber gerade in der Zeit seiner Ängste und Schwierigkeiten entstanden Lieder von einer besonderen Tiefe. Seine Beziehung zu Gott bekam neue Dimensionen.

Betrachten wir nur das Leben der Propheten: Sie waren nicht irgendwelche halbherzigen Christen, sondern auserwählte Boten Gottes. Man kann annehmen, dass sie ein besonders enges Verhältnis zu Gott hatten. Doch auch sie mussten oft sehr schwere Leidenszeiten durchleben.

Ein herausragendes Beispiel dafür ist Jeremia. Als er Gottes Pläne und Willen den Leitern des Volkes weiter gab, bekam er ihre Ablehnung und ihren Hass zu spüren. Man nannte ihn einen Landesverräter und Volksfeind. Der König behandelte ihn wie einen Verbrecher und wollte ihn schmählich umbringen. Doch Jeremia blieb seiner Botschaft und seinem Gott treu. Selbst als er das furchtbare Leid sah, das seinem Volk widerfuhr, und als er die Not selber zu spüren bekam, hielt er an Gott fest. Er trauerte zwar, klagte und weinte über das Elend, aber er rebellierte nicht gegen Gott. An seiner Haltung erkennen wir, dass er die Schuld für die Niederlagen und Leiden des Volkes nicht bei Gott, sondern bei den Menschen sah. Darum haderte er nicht mit Gott, sondern blieb ergeben und zu weiteren Diensten bereit.

Auch Daniel, der große Prophet und Staatsmann, musste Verleumdung und Verurteilung ertragen. Gerade weil er Gott verehrte und zu ihm betete, wurde er zum Tode verurteilt und in die Löwengrube geworfen. Wir hören nirgends, dass er sich verteidigt hätte, dass er sich bei Gott über die ungerechte Behandlung beklagt hätte - sondern in der Gefahr, in der Nähe des Todes blieb er nahe bei seinem Gott.

Wir könnten noch andere Persönlichkeiten aus dem Alten Testament nennen, die selbst in Verfolgung, Leiden und Qual ihrem Gott treu blieben, ihm vertrauten und ihre Liebe zu ihm zum Ausdruck brachten.

Auch im Neuen Testament finden wir immer wieder Menschen, die trotz Ablehnung, Verfolgung, Gefängnis und Leiden Gott die Ehre gaben. Da waren Paulus und Silas, die nach Folterung und Kerker ihrem Gott noch Loblieder sangen. Da waren andere Apostel, die im Angesicht des Todes Gott anbeteten und ihm willig ihr Leben opferten.

Überhaupt hatten die ersten Christen in den jungen Gemeinden viel um ihres Glaubens willen zu leiden. Aber alle Verfolgungen brachten sie näher zu Gott. Märtyrer hat es zu allen Zeiten gegeben - auch heute noch.

Es beeindruckt mich immer wieder, wie Menschen im Leiden, in Krankheit, in Entbehrungen, ungerechter Behandlung, Folterung und Tod noch solch eine Liebe und Hingabe zu Gott behalten können. Für mich ist das ein sehr starkes Argument, solch einem Gott zu vertrauen. Da ist etwas Besonderes an diesem Gott, dass Menschen befähigt, ihm zu folgen, ihn zu lieben, auch wenn es ihnen denkbar schlecht geht.

Nun müssen wir aber auch zugeben, dass nicht alle Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind, mit Gott im Frieden gelebt haben. Immer wieder gab es solche, die Gott beschuldigten, ihn verklagten und sich schließlich ganz von ihm abwandten.

Ein Beispiel dafür ist das Volk Israel bei der Wüstenwanderung. Die Menge wurde unzufrieden mit den Umständen, den Führungen Gottes und mit den Entbehrungen und Schwierigkeiten. So verwarfen sie ihren Gott und machten sich einen Götzen aus Gold in Form eines jungen Stiers.

Später gab es immer wieder Könige, die gottlos waren und beim Volk Götzen und Götter einführten. Das war nur möglich, weil unter den Menschen Kritik und Unzufriedenheit über den Willen und das Handeln Gottes herrschten. Durch Krisen, Armut, Krankheit und Leiden sind auch schon viele Menschen motiviert worden, Gott als Feind zu betrachten und sich von ihm loszusagen.

Hiob war noch nicht ganz so weit. Er wollte ja Gott anerkennen, verstehen und ihm gehorchen. Jetzt suchte er nach Argumenten und Hilfen für seinen angefochtenen Glauben. Doch eines wird mir bei diesen Überlegungen wichtig: Es ist möglich, Gott zu lieben und ihm zu vertrauen, selbst wenn die Umstände extrem schwierig und leidvoll sind. Wohl wäre es auch für Hiob möglich gewesen, sich still und ergeben in die Führungen Gottes zu schicken.

Am Anfang seiner Prüfungen war er noch stark und sagte: »Der Herr hat gegeben und der Herr hat genommen. Ich will ihn preisen, was immer er tut! « (Hiob 1,21-22)

Trotz allem, was geschehen war, versündigte sich Ijob nicht. Er machte Gott keinen Vorwurf. « Diese Glaubenshaltung wurde durch die Dauer und die Schwere seiner Leiden sehr stark erschüttert, was wir durchaus verstehen können, und wofür wir Hiob keinen Vorwurf machen. Aber ich will auch für mich festhalten, dass es möglich ist, Gott zu lieben und ihm zu vertrauen, wenn die Umstände extrem schwierig werden.

Noch eines will ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Gott auch im Leiden zu lieben ist nicht nur möglich, sondern es ist auch besser. Durch die Nähe und den Frieden Gottes werden auch Stunden der Angst, der Schmerzen und des Leidens erträglicher. Selbst wenn Gott nicht heilt und uns nicht von der Not befreit, ist es immer noch besser im Frieden mit ihm zu leben. Er kann uns trösten, uns beistehen, uns Hoffnung geben und Kraft zum Überwinden schenken. Trotz aller äußeren Widerstände kann die Seele doch still und geborgen sein in Gott.

Andererseits werden Leid und Schmerz nur noch verschlimmert und verstärkt, wenn unsere Seele gegen Gott rebelliert. Kritik an Gott macht uns unglücklich, verbittert und hart. Solch eine Position trägt jedenfalls nicht zur Linderung der Leiden und zur Heilung bei.

Von daher war es ein sehr guter seelsorgerlicher Rat des Elifas wenn er zu Hiob sagt: »Hör endlich auf, in Gott den Feind zu sehen, und söhne dich doch wieder mit ihm aus! Nur so wirst du dein Glück zurückgewinnen. « (Hiob 22, 21).

Was Hiob brauchte war Versöhnung und Friede mit Gott. Selbst als Gläubiger und Gottes Diener brauchte er Versöhnung mit Gott.

Und Gott bietet uns diese Versöhnung mit sich jederzeit an. Hiob hätte nur demütig zu ihm zu kommen und zu sagen brauchen: »Es war nicht richtig, wie ich mich aufgeführt habe! Ich hätte nicht so von Dir sprechen sollen. Gib mir einen neuen Geist. «

Auch wir als Christen müssen immer damit rechnen, dass wir in Unglück, Verfolgung und Qual geraten - und auch damit, dass wir ungewollt gegen Gott aufbegehren. Dann dürfen wir aber auch darauf vertrauen, dass wir uns jederzeit wieder mit ihm versöhnen können.

Um zum Frieden mit Gott zu finden, sollten wir
1.- ehrlich sein bezüglich unserer Probleme. Eigentlich ist es sehr anerkennenswert wie Hiob offen seine Zweifel und Unzufriedenheit ausspricht. Wer seine Rebellion leugnet und versteckt, wird nie darüber Herr werden können.

2.- unsere Gefühle zugeben. Es ist ja doch klar, dass Hiob traurig, ärgerlich, empört und zornig war. Das kann er doch ruhig beichten. Und indem auch wir unsere Empfindungen ausdrücken, verlieren sie an Macht - und das ebnet den Weg zu Buße und Versöhnung.

3.- in Zeiten der Krise, der Krankheit, der Entbehrung und Kämpfe Glaubensgeschwister an der Seite haben. Leider haben die Freunde Hiobs diese Chance verpasst. Wenn uns der Glaube schwindet und versagt, dann brauchen Freunde, die für uns glauben oder mit uns glauben. Auf diese Weise werden wir gestärkt und befähigt, durch zu halten. Darum sollten wir schon in guten Zeiten die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern schätzen und pflegen.

Lassen wir uns noch einmal an den Rat des Elifas erinnern. »Hör endlich auf, in Gott den Feind zu sehen, und söhne dich doch wieder mit ihm aus! «

Wir beten:
Herr, wir wollen auf keinen Fall leichtfertig über Menschen urteilen, die in Zweifel und Glaubenskämpfe geraten sind. Aber doch wollen wir daran festhalten, dass es auch im Leiden möglich ist, Dir zu vertrauen und in Deiner Nähe zu bleiben. Hilf uns bitte darin. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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