Donnerstag, 27. August 2015
Erzählt es euren Kindern! (Joel 1,1-14)

Das Buch Joel gehört zu den sogenannten „kleinen Propheten“ in der Bibel. Es gibt 12 solcher Bücher. Sie enthalten Botschaften an das Volk Gottes. „Kleine Propheten“ heißen die Bücher, weil sie nicht sehr umfangreich sind. Zum Gegensatz zu den kleinen, gibt es auch die 5 „großen“ Propheten Jesaja, Jeremia, Klagelieder, Daniel und Hesekiel. Sie sind bekannter und ihre Schriften sind länger.

Der Prophet Joel ist nicht schwer zu verstehen. Jedenfalls am Anfang ist es leicht ihm zu folgen. Es bedarf da nicht vieler Erklärungen und Deutungen. Er beschreibt hier eine Heuschreckenplage.
Ich lese jetzt einmal die Verse 1 – 14 aus dem ersten Kapitel: „In diesem Buch steht, was der HERR durch Joel, den Sohn Petuels, verkünden ließ. Hört her, ihr Alten und Erfahrenen, hört her, alle Leute im Land! Ist so etwas Unerhörtes schon einmal vorgekommen, zu euren Lebzeiten oder zur Zeit eurer Vorfahren?

Erzählt es euren Kindern, damit sie es ihren eigenen Kindern weitersagen und diese wieder der folgenden Generation! Heuschrecken sind über die Felder hergefallen, Schwarm auf Schwarm; alles haben sie kahl gefressen. Was die einen übrig ließen, haben die nächsten verzehrt.

Wacht auf, ihr Betrunkenen, und weint! Heult, ihr Zecher alle, denn es wird keinen neuen Wein geben! Ein Heer, das unbesiegbar und nicht zu zählen ist, hat unser Land überfallen. Sie haben Zähne wie Löwen. Unsere Weinstöcke haben sie kahl gefressen und die Feigenbäume entlaubt, sogar die Rinde haben sie abgenagt und nur das nackte Holz übrig gelassen.

Weint und klagt wie eine Braut, die im Sack umhergeht, weil sie ihren Bräutigam verloren hat! Die Felder sind verwüstet und ausgedörrt. Die Ernte ist vernichtet; niemand bringt mehr Korn, Öl und Wein als Speise- und Trankopfer in den Tempel des HERRN. Darum trauern die Priester, die den Opferdienst für den HERRN versehen. Klagt über euer Unglück, ihr Bauern und Weingärtner!

Es gibt weder Weizen noch Gerste, die ganze Ernte ist verloren. Die Weinstöcke sind verdorrt, die Feigen- und Dattelbäume, die Granat- und Apfelbäume und alle wild wachsenden Bäume im Land sind entlaubt. Die ganze Freude der Menschen welkt dahin. Ihr Priester am Altar des HERRN, legt den Sack um die Hüften und klagt! Behaltet ihn auch bei Nacht an! Es gibt keine Speise- und Trankopfer mehr im Tempel eures Gottes. Ruft einen Fasttag aus! Ordnet einen Bußgottesdienst an! Die Ältesten und das ganze Volk sollen sich im Tempel des HERRN, eures Gottes, versammeln und zu ihm um Hilfe rufen!“

Wie kommt es, dass die Kulturen so unterschiedlich sind?

Wer einmal mit Menschen aus einem anderen Land, einer anderen Hautfarbe oder Religion näher in Berührung gekommen ist, der hat sich bestimmt gewundert. Er merkt auf einmal, wie die Leute so anders denken. Ihm fällt auf, dass sie sich in Kreisen ganz anders benehmen. Sie haben andere Umgangsformen als wir, andere Bräuche, andere Zeremonien, eine andere Art mit ihren Verwandten und Freunden umzugehen.

Wer noch tiefer in die Kultur anderer Völker eindringt, dem wird auch bewusst, dass die Menschen dort eine andere Art zu Denken haben. Sie beurteilen ihre Umwelt oft anders als wir. Ihnen sind Dinge wichtig, die uns nicht so viel bedeuten. Und sie beachten kaum, was für uns unverzichtbare Werte sind.
Für einen Paraguayer z.B. ist es im Allgemeinen wichtig, dass er Zeit für seine Mitmenschen hat. Er interessiert sich für das Leben der anderen und kommuniziert gerne mit seinen zahlreichen Freunden. Dabei vergisst er auch schon mal seine Termine und Verantwortungen. In unserer deutschen Kultur wird dagegen derjenige geschätzt, der seine Pflichten erfüllt, der zuverlässig, zielstrebig und fleißig ist – der es zu etwas bringt. Der Umgangston und das Verhalten den Mitmenschen gegenüber kommen dabei oft zu kurz.

Die Kulturen sind unterschiedlich, ob es uns auffällt oder nicht und ob wir es wahr haben wollen oder nicht. Kulturunterschiede führen verständlicherweise oft zu Kritik, Konflikten und Verurteilung. Ganz natürlich nehmen wir dabei an, dass unsere Kultur, unsere Vorstellung vom Leben, unser Verhalten und unsere Umgangsformen richtig sind. Woher kommt aber diese Ansicht? Wie wissen wir, wer recht hat? Wer hat unsere Kultur geprägt?

Das zu verstehen ist in einer multikulturellen Gesellschaft und dem Trend zur Globalisierung von großer Bedeutung geworden. Wir müssen mit Menschen anderer Kulturen zusammen leben und können es nicht verhindern, uns zu vergleichen. Deshalb sollten wir wissen, wie es zu unserer Kultur gekommen ist.

Zu diesem Thema finden wir eine wichtige Aussage im Propheten Joel, den wir Eingangs gelesen haben. Kultur wird zu einem guten Teil durch die Umwelt und die Erziehung der Eltern in den ersten Lebensjahren gebildet. Was richtig und was falsch, was Tugenden und Untugenden sind, das vermitteln die Eltern ihren Kindern schon früh. Wie man sich in der Gesellschaft verhält, was erstrebenswert ist und wie man es erreicht, das lehrt uns die Kultur. Wie man mit dem Leben fertig wird und freudige und traurige Ereignisse interpretiert erfahren die Kinder im Normalfall von ihren Eltern.

In seiner Predigt ruft der Prophet Joel nun die Eltern auf, ihre Erfahrungen und Erkenntnisse an ihre Kinder weiter zu geben. Er sagt: „Erzählt es euren Kindern, damit sie es ihren eigenen Kindern weitersagen und diese wieder der folgenden Generation!“ – Diese Botschaft ist sicher nicht das Hauptanliegen des Propheten. Es ist mehr ein Ventil, das helfen soll, mit der Katastrophe fertig zu werden und eine Lehre daraus zu ziehen.

Über die Verantwortung von Eltern, ihre Erfahrungen an ihre Kinder weiterzugeben möchte ich noch ein wenig mehr sagen.

Der Prophet Joel ruft also die Eltern auf, ihre Erlebnisse mit Gott an ihre Kinder weiter zu geben. Dabei werden auch die Ursachen, die Folgen und die Deutung der Ereignisse zur Sprache kommen. Die Kinder werden so ganz nebenbei etwas von dem Glauben der Eltern, ihrem Verhältnis zu Gott und ihrem Verständnis von Sünde und Strafe merken. Das wird natürlich auch das Denken, das Gottesverständnis und die Kultur der folgenden Generationen beeinflussen.

Praktisch würde das bedeuten, dass wir unseren Kindern und Enkeln so viel wie möglich aus unserem Leben erzählen. Ich habe von Pastoren gehört, die durch die Gemeinden reisen mit einem einzigen Ziel. Sie ermutigen die gläubigen Eltern dazu, ihren Kindern ihre eigene Lebensgeschichte zu erzählen. – „Wir haben eine Verpflichtung dazu, einen Befehl und Auftrag Gottes.“ So argumentierten sie.
Nun weiß ich aber, dass das nicht ganz einfach ist. Es gibt eine Reihe Hindernisse, die die Kommunikation mit unseren eigenen Kindern erschweren.

1. Die Zeitfrage:

Viele Eltern haben einen langen und anstrengenden Arbeitstag. Da bleibt oft kaum Zeit für die Kinder. Die Kommunikation beschränkt sich auf einige kurze Informationen, ein paar mehr oder weniger mitfühlende Fragen und kurze, nötige Ermahnungen und Befehle. Zeit und Ruhe für eine Geschichte aus dem Leben von Papa oder Mama sind da nicht mehr vorhanden.

2. Die räumliche Trennung erschwert die Kommunikation:

Zu biblischen Zeiten arbeiteten Eltern und Kinder oft den ganzen Tag zusammen. Sie betreuten gemeinsam die Herden und waren miteinander auf den Feldern bei der Ernte. Töchter verbrachten viel Zeit mit den Müttern in der Küche und im Haushalt, Jungen halfen dem Vater vielleicht in der Werkstatt.

Da gab es viele Gelegenheiten über die Vergangenheit zu sprechen. Die Eltern konnten ihren Kindern auch Kleinigkeiten aus ihrem Leben mitteilen. Dadurch blieb ihre Erinnerung lebendig und die Kinder erfuhren etwas von den Kämpfen, den Fehlern, Erfolgen und Erfahrungen ihrer Eltern.

Das ist heute nur noch in sehr seltenen Fällen möglich. Oft sind schon die Kleinen früh von ihren Eltern getrennt. Vater und Mutter sind eigentlich nicht mehr die Bezugspersonen, mit denen man das Leben teilt. Hier erfordert es sicher eine besondere Anstrengung der Eltern, dem Auftrag Gottes nachzukommen und ihren Kindern von früher zu erzählen.

3.Die Welt der Medien:

Die Medien machen es uns heute nicht leicht, den Kindern Geschichten zu erzählen. Es gibt so viel Abwechslung, so viele interessante Bilder, Farben und Töne. Wer will da schon eine normale Geschichte aus dem realen Leben hören? Bilderbücher mit tollen Phantasiegeschichten, mit Monstern, Drachen, Zauberern sind doch viel spannender. Das Fernsehen bietet mit seinen schnell wechselnden Bildfolgen so viel Unterhaltung. Und schließlich fordern Computerspiele die ganze Konzentration der Kinder. Wo bleibt da noch eine Möglichkeit, dass die Eltern eine Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählen können?

4. Mangelndes Interesse:

Oft fehlt den Kindern auch das Interesse, den alten Geschichten ihrer Eltern zu zuhören. Menschen, die in Europa etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts geboren wurden, haben eine sehr bedeutungsvolle Zeit erlebt. Große Kriege haben stattgefunden, neue Ideen und Ideologien haben die Menschen begeistert und wieder enttäuscht. Der technische Fortschritt ging rasend voran, eine Art Völkerwanderung und –vermischung hat eingesetzt.

Es gäbe sehr vieles zu erzählen! Aber leider winken viele Kinder schon ab, wenn der Vater noch einmal von der Not der Nachkriegszeit in Europa erzählen will oder der Großvater von der Gefangenschaft in Russland.

Oft sind die Kinder nicht bereit, sich erzählen zu lassen wie es war, als es noch keine Computer, keine MP3-Spieler, keine Handys oder Celulartelephone gab. Sie finden das altmodisch, langweilig und uninteressant. Ihre Gedanken sind auf das Moderne, die Zukunft gerichtet.

Aber es ist nicht immer so. Ich habe gefunden, dass Kinder sehr wohl wissen wollen, wie es war, als ihre Eltern klein waren. „Erzähl uns doch mal etwas von früher!“ ist eine Bitte, mit der manche Kinder zu ihrem Vater oder Mutter kommen. Vielleicht haben die Eltern es nur nicht verstanden, das Interesse zu wecken und zu fördern, das Umfeld entsprechend vorzubereiten oder den rechten Zeitpunkt zu nutzen. Das bringt mich zu dem fünften Gedanken.

5. Die Schuld der Eltern:

Manchmal haben aber auch die Eltern selber Schuld an der mangelnden Kommunikation. Sie sehen nicht die Bedeutung, die ihre Vergangenheit für die nachfolgende Generation hat. Sie sind nicht willig, ihren Kindern aus ihrem Leben zu berichten. Viele meinen, sie hätten keine Zeit oder es sei jetzt nicht eine gute Gelegenheit über eine persönliche Erfahrung zu sprechen.

Manche Eltern denken sicher auch, sie könnten nicht Geschichten erzählen oder es gäbe nichts Erwähnenswertes aus ihrer Vergangenheit zu berichten. Vielleicht schämen sie sich auch, vielleicht wollen sie etwas verbergen und fürchten weitere Fragen. Im Fall des Propheten Joel könnte das auch ein Hindernis gewesen sein. Schließlich kam die Heuschreckenplage, von der der Prophet berichtet, als Strafe von Gott.

So mussten die Eltern auch etwas von der Ursache für die Katastrophe berichten. Das war für manche sicher nicht erfreulich. Es galt Fehler einzugestehen und Sünden zuzugeben. Aber gleichzeitig erfuhren die Kinder etwas über die Forderungen und die Gebote Gottes. Durch den Bericht ihrer Eltern konnten sie lernen, wer Gott war und was er wollte. Sie erfuhren auch etwas von den guten Absichten Gottes mit den Menschen, von seinem Interesse und seiner Liebe zu seinem Volk.

Wo es Eltern schwer fällt, von ihrer Vergangenheit zu erzählen – und wo Kinder nicht die Ruhe und das Interesse haben zuzuhören, bietet sich noch eine andere Gelegenheit. Schreiben Sie doch einfach mal Ihre Erfahrungen auf. Tun Sie es in Form eines ausführlichen Lebenslaufes. Es sind gar nicht unbedingt schriftstellerische Fähigkeiten erforderlich. Es braucht nicht ein Roman zu werden oder eine spannende Abenteuergeschichte.

Aber vielleicht wird das, was Ihnen selbstverständlich und nicht erwähnenswert erscheint, für Ihre Kinder großartig und interessant sein. Eines Tages werden Ihre Kinder doch noch mit Fragen kommen. Sie werden etwas über die Vergangenheit unseres Volkes erfahren wollen und welche Rolle ihre Eltern dabei gespielt haben. Wenn der Abstand zur Vergangenheit erst groß genug ist, wird die Sache wieder interessant.

Wenn besondere Krisen auftauchen, oder wenn unsere Kinder die Fragen ihrer eigenen Kinder beantworten müssen, wolle sie wissen, was früher war.

Eltern und Kinder haben streckenweise die gleiche Geschichte. Das verbindet sie. Die Kultur der jungen Generation wird von der älteren geprägt. Erkenntnisse über das Leben, den Glauben, Gott werden weitergegeben. Wenn eine Generation es unterlässt, ihre Kinder zu prägen, werden es fremde Menschen mit anderen Interessen tun. Die Heranwachsenden werden dann verunsichert und entwurzelt sein. Sie werden ihre Identität suchen und dabei in manche Konflikte und Irrtümer geraten. .

Zweifellos bemühen sich schon manche Väter und Mütter um eine lebendige Kommunikation mit ihren Kindern. Oft helfen auch Großeltern, andere Verwandte oder Lehrer bei der Bewahrung der Vergangenheit, der Kultur und des christlichen Glaubens innerhalb der Familie mit. Das ist sehr wichtig in einer multikulturellen Gesellschaft, wo viele Menschen nach Werten und Orientierung suchen.

Vor allem geht es Gott aber darum, dass der christliche Glaube nicht verloren geht. Eine Generation soll ihre Glaubenserfahrungen an die nächste weitergeben. Die Kinder sollen wissen, wer der Gott ihrer Eltern war und was sie mit ihm erlebt haben. Bevor wir den jungen Menschen die Freiheit lassen, sich für eine Religion zu entscheiden, sollten sie wenigstens genau wissen, an welchen Gott wir geglaubt haben.

Zum Abschluss ein Gebet:
„Wir beten. Herr, wir danken Dir für alle Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit mit Dir gemacht haben. Hilf uns, Gotteserkenntnis, Glauben und Gehorsam in die Herzen unserer Kinder zu säen. Schenke Du dann das Wachsen und Reifen. Und gib auch, dass unser Volk eine neue Verantwortung spürt, seine Nachkommen in der Gottesfurcht zu erziehen. Amen.“

Rüdiger Klaue

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