Dienstag, 28. Februar 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 6: Elifas Gesicht (Hiob 4, 1-21)
Hier sitzen Hiob und seine drei Freunde seit 7 Tagen und 7 Nächten in der Asche und trauern. Schließlich fing Hiob an zu reden - und es war eine düstere Rede die er hielt, in der er sich wünschte tot zu sein, oder nie geboren worden zu sein. Jetzt kommt die Antwort.

Der Bibeltext:
(4,1) »Jetzt nahm Elifas von Teman das Wort:

(4,2) »Erträgst du es, wenn ich dir etwas sage? Ich kann beim besten Willen nicht mehr schweigen!

(4,3) Du hast doch viele Menschen unterwiesen und schlaff gewordene Hände stark gemacht.

(4,4) Wenn jemand strauchelte, du halfst ihm auf, den weichen Knien gabst du Halt und Kraft.

(4,5) Jetzt, wo du selber dran bist, wirst du schwach und kannst dem Unglück nicht ins Auge sehen.

(4,6) Hast du nicht Gott zu jeder Zeit geehrt? War nicht dein Leben frei von jedem Tadel? Dann könntest du doch Mut und Hoffnung haben!

(4,7) Denk einmal nach: Ging je ein Mensch zugrunde, der treu und ehrlich war und ohne Schuld?

(4,8) Ich kann nur sagen, was ich selber sah: Da pflügen Leute auf dem Feld der Bosheit, sie säen Unheil – und das ernten sie!

(4,9) Die solches tun, erregen Gottes Zorn, der sie hinwegfegt wie ein heißer Sturm.

(4,10) Die Unheilstifter brüllen wie die Löwen, doch Gott bricht ihnen alle Zähne aus.

(4,11) Sie gehen ein wie Löwen ohne Beute und ihre Kinder werden weit zerstreut. Beuge dich unter das allgemeine Menschenlos!

(4,12) Ganz heimlich ist ein Wort zu mir gekommen, wie leises Flüstern drang es an mein Ohr,

(4,13) so wie ein Traum den Menschen überfällt und ihm die Ruhe seines Schlafes raubt.

(4,14) Das Grauen packte mich, ließ mich erschaudern, ich zitterte vor Angst an allen Gliedern.

(4,15) Ein kalter Hauch berührte mein Gesicht, die Haare sträubten sich mir vor Entsetzen.

(4,16) Vor meinen Augen sah ich etwas stehen, doch konnt' ich nicht erkennen, was es war, und eine leise Stimme hörte ich:

(4,17) ›Wie kann ein Mensch vor seinem Gott bestehen? Wie kann er schuldlos sein vor seinem Schöpfer?

(4,18) Gott traut nicht einmal seinen eigenen Dienern, selbst seinen Engeln wirft er Fehler vor.

(4,19) Meinst du, er traute dem Geschöpf aus Lehm, das aus dem Staub hervorgegangen ist, das man zerdrücken kann wie eine Motte?‹

(4,20) Am Morgen munter, sind sie abends tot, sie gehen dahin für immer, unbeachtet.

(4,21) Wenn Gott die Seile ihres Zeltes löst, ist ihre Zeit vorbei, sie müssen fort. «

Elifas war wohl der Älteste der Freunde Hiobs. Deshalb durfte er als erster das Wort ergreifen. Offenbar war Elifas ein besonnener, vorsichtiger, mitfühlender Mann. Aber es fiel ihm doch sehr schwer, dem Hiob bei seiner langen Klage zuzuhören. Zu jedem neuen Gedanken seines Freundes fallen ihm gleich Antworten und Gegenargumente ein. Immerhin kann er warten, bis Hiob ausgeredet hat.

Dann sagt er: »Ich kann beim besten Willen nicht mehr schweigen! « Aber gerade in der Seelsorge, oder wenn man jemanden beraten und trösten will, ist es so wichtig, dass man schweigend zuhören kann. Ungeduld und vorschnelle Antworten können den Leidtragenden eher verletzen als ihm helfen.

Doch hat es hier den Anschein, als ob Elifas, obwohl er geschwiegen hat, nicht richtig zugehört hat. Aktives Zuhören ist mehr als nur Schweigen und den anderen Reden lassen. Rechtes Zuhören ist ein Mitgehen mit den Worten des anderen, es ist mitfühlen, der Versuch zu verstehen, was der andere empfindet, was er wirklich sagen will.

Ich habe den Eindruck, dass Elifas und seine Freunde die Kunst des rechten Zuhörens nicht so gut verstanden. Sie haben kaum aufgepasst, was Hiob wirklich sagen wollte; und sie hatten ihre Antworten und Behauptungen schon fertig, bevor Hiob ausgeredet hat. Deshalb trafen ihre Argumente das Problem nicht, sie waren keine Hilfe und kein Trost. Hiob fühlte sich unverstanden, allein gelassen, ungerecht kritisiert und zurechtgewiesen.

Dass er überhaupt noch so geduldig mit seinen Freunden debattiert hat, ist schon bewundernswert. Na, ja, trösten heißt nicht immer Streicheleinheiten verteilen, bedauern und zu allem »Ja« sagen. Manchmal müssen wir auch einen Trauernden korrigieren, ihn zu Recht weisen, ihm zu einer realistischen Schau seiner Lage verhelfen und ihn entschlossen in die Wirklichkeit zurück holen. Aber das darf nur mit großer Vorsicht und Liebe geschehen.

Elifas versucht nun als erster sein Glück als Seelsorger. Er leitet seine Rede mit den Worten ein: »Erträgst du es, wenn ich dir etwas sage? « Das war eine gute und berechtigte Frage. Verletzte und leidende Menschen sind oft sehr empfindlich. Verkehrte Worte können die Wunde aufreißen und den Schmerz nur noch vergrößern.

Mit dieser Einleitung bereitet Elifas den Hiob vor. Der kann sich ein wenig wappnen, denn auf solch eine Frage kommt meistens Kritik und Zurechtweisung. Bestätigung und Bewunderung kann jeder ohne Vorwarnung gut vertragen. Eigentlich war die Frage ja auch mehr rhetorisch. Elifas wollte reden, und er hätte es wohl auch getan, wenn Hiob es ihm verwehrt hätte. Elifas sagt ja auch gleich schon zu Anfang: »Ich kann beim besten Willen nicht mehr schweigen! « Also erübrigt sich die Anfrage.

Immerhin hat es die Lage etwas entspannt und die Gesprächspartner versöhnlicher gestimmt. Was Elifas sagen will, ist wirklich nicht so leicht zu schlucken. Doch zuerst beginnt er mit einer Anerkennung. »Du hast doch viele Menschen unterwiesen und schlaff gewordene Hände stark gemacht. Wenn jemand strauchelte, du halfst ihm auf, den weichen Knien gabst du Halt und Kraft. « Damit bestätigt Elifas den guten Charakter und den positiven Einfluss den Hiob bisher auf seine Mitmenschen gehabt hat.

Und dann kommt die Frage: »Ging je ein Mensch zugrunde, der treu und ehrlich war und ohne Schuld? « Diese Frage kann man einesteils als Ermutigung verstehen. Sinngemäß etwa so: »Du als treuer und ehrlicher Mensch brauchst keine Angst zu haben, Du wirst schon nicht zugrunde gehen. « Aber es könnte auch eine Verdächtigung und Anschuldigung sein mit der Bedeutung: »Wenn Du ein anständiger Mensch und ohne Schuld wärest, dann würde es Dir jetzt nicht so schlecht gehen. Hiob, Du hast gesündigt, deshalb leidest Du. «

Dass gute Menschen gesegnet und böse bestraft werden, wird auch in 5. Mose 28,1-6 verkündet, wo Mose sagt: »Wenn ihr auf den Herrn euren Gott, hört und alle seine Gebote, die ich euch heute verkünde, sorgfältig befolgt, wird er euch hoch über alle Völker der Erde erheben. Die ganze Fülle seines Segens wird euch zuteil werden, wenn ihr den Weisungen des Herrn, eures Gottes, gehorcht. In der Stadt und auf dem Feld schenkt er euch Gedeihen: Gesunde Kinder gibt er euch und reiche Ernten; eure Rinder, Schafe und Ziegen werden sich vermehren, Korb und Backtrog nicht leer werden. Das Glück wird euch begleiten, wenn ihr auszieht und wenn ihr wieder heimkehrt. « - Hier verspricht Gott ganz klar, dass es denen, die seine Gebote halten, gut gehen wird.

Allerdings hätten wir auch manche Beispiele bereit die zeigen, dass auch fromme, gütige, treue, aufrichtige Menschen in Unglück gerieten und leiden mussten. Dazu könnten wir die Propheten nennen, Paulus, die Apostel und die ersten Christen. Sie alle führten ein Leben im Gehorsam und in der Nachfolge Jesu und wurden doch verfolgt und mussten viel leiden. Das gilt für dieses Erdenleben. Aufgrund des Evangeliums können wir aber sagen, dass alles Leid einmal enden wird, und ewige Freude und Lohn denen zuteil wird, die hier auf Jesus vertraut haben.

Die nächste Beobachtung des Elifas können wir schon besser verstehen. Hier geht es darum, dass die bösen, gottlosen Menschen sich oft selbst ins Unglück stürzen. »Ich kann nur sagen, was ich selber sah«: - sagt Elifas - »Da pflügen Leute auf dem Feld der Bosheit, sie säen Unheil – und das ernten sie! Die solches tun, erregen Gottes Zorn, der sie hinwegfegt wie ein heißer Sturm. « (Verse 8-9)

Ja, auch im Neuen Testament wird diese Wahrheit bestätigt in Galater 6,7-8 steht: »Macht euch nichts vor! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben. Jeder Mensch wird ernten, was er gesät hat. Wer auf den Boden der menschlichen Selbstsucht sät, wird von ihr den Tod ernten. Wer auf den Boden von Gottes Geist sät, wird von ihm unvergängliches Leben ernten. «

Das heißt: Bosheit, Hinterlist, Lüge und Betrug finden wirklich schon oft in diesem Leben ihre Strafe, ganz bestimmt aber in der Ewigkeit. Die ungerechten Menschen säen Unheil - und sie ernten Unheil. –

Natürlich gibt es auch hier wieder Ausnahmen. Ich denke da an den Psalm 73, wo es in den Versen 3-5 heißt: »Ich war eifersüchtig auf die Menschen, die nicht nach dem Willen Gottes fragen; denn ich sah, dass es ihnen so gut geht. Ihr Leben lang kennen sie keine Krankheit, gesund sind sie und wohlgenährt. Sie verbringen ihre Tage ohne Sorgen und müssen sich nicht quälen wie andere Leute. « -

Das gibt es also auch, dass es Gottlosen, Betrügern und Sündern gut geht. Elifas und seine Freunde haben einen schweren Stand, wenn sie Hiobs Unglück mit seiner Schuld und Ungerechtigkeit erklären wollen.

Nun möchte ich noch auf die Erscheinung eingehen, die Elifas in seiner Rede erwähnt. Es klingt alles ein wenig schaurig und unheimlich. Er hört plötzlich ein leises Flüstern und dann fährt er fort: »Das Grauen packte mich, ließ mich erschaudern, ich zitterte vor Angst an allen Gliedern. Ein kalter Hauch berührte mein Gesicht, die Haare sträubten sich mir vor Entsetzen. Vor meinen Augen sah ich etwas stehen, doch konnt' ich nicht erkennen, was es war, und eine leise Stimme hörte ich:« (Verse 14-16)

Was mag das gewesen sein? Ob ihm hier Gott oder der Heilige Geist begegnet ist? Gewöhnlich packt die Menschen ja nicht ein Grauen und Entsetzen, wenn Gott ihnen begegnet. Wohl eher Sündenerkenntnis, wie bei Jeremia oder bei Petrus. Oder Erschrecken vor dem Licht und der Herrlichkeit Gottes, wie Paulus bei seiner Bekehrung.-

Aber ein kalter Hauch, Erschaudern und zittern vor Angst, die Haare sträuben sich und eine unheimliche, undefinierbare Gestalt. Könnte es auch etwas anderes gewesen sein?

Ich glaube daran, dass Gott Menschen erscheint und ihnen eine Botschaft sagt. Das hört man auch heute immer wieder. Es geschieht besonders da, wo es keine Bibeln und kaum ein christliches Zeugnis gibt.

Ein Araber (Muslim) hat mir einmal erzählt, wie er durch eine Erscheinung, ein Gesicht, auf Gott aufmerksam wurde und sich schließlich bekehrte. Er meinte, dass es vielen seiner Landsleute so gehe, die keine Möglichkeit haben, die Bibel zu lesen, einen Gottesdienst oder Evangelisationsversammlung zu besuchen.

Missionare berichten aus Afrika, dass viele Menschen durch übernatürliche Erscheinungen, durch Träume, Gesichte und Wunder zu Gott finden. –

Ja auch zu den Propheten im Alten Testament, und zu den Aposteln im Neuen Testament hat Gott oft auf übernatürliche Weise gesprochen. Sogar zu Pharao, dem heidnischen Herrscher, hat Gott im Traum mit den fetten und mageren Kühen gesprochen und zu dem bösen König Nebukadnezar.

Allerdings brauchten diese heidnischen Machthaber einen von Gottes Geist erfüllten Deuter. Es sollte uns also nicht wundern, wenn Elifas hier wirklich auf geheimnisvolle, unerklärliche Art eine Botschaft von Gott erhalten hätte. –

Andererseits müssen wir auch daran denken, dass der Teufel ebenfalls Träume, Erscheinungen, Bilder und so etwas schicken kann. Bei der Versuchung Jesu zeigte Satan Jesus alle Reiche der Welt in einem Augenblick und in der Offenbarung wird berichtet, dass der Teufel viele Zeichen und Wunder tut. –

Und noch eins wäre zu bedenken. Schon oft haben religiöse Leiter ihre Nachfolger verführt indem sie behaupteten, von Gott eine Weisung erhalten zu haben. Sie sagen, es war eine Stimme, die sie zu einem bestimmten Ort rief, sie auf ein bestimmtes Datum bestellte, - oder sogar unmoralische Handlungen, oder Kriege und Gewalttaten von ihnen verlangte. Wer sagt: »Gott hat zu mir gesprochen; Er hat mir gesagt ... « Der hat eine gewisse Macht und Autorität über andere Menschen. Man kann ihm nicht widersprechen; und wer die Stimme in Zweifel stellt gilt als einer, der sich gegen Gott selbst stellt. Es kann also durchaus sein, dass manch einer gar nichts gehört hat und doch behauptet, Gott habe ihm eine Botschaft gegeben.

Nun, im Fall von Elifas hat sich die Sache mit dem unheimlichen Gesicht doch als recht harmlos erwiesen. Die Stimme sagte: »Wie kann ein Mensch vor seinem Gott bestehen? Wie kann er schuldlos sein vor seinem Schöpfer? « Dazu sagt Paulus im Neuen Testament: »Kein Mensch kann vor Gott als gerecht bestehen; kein Mensch hat Einsicht und fragt nach Gottes Willen. Alle haben den rechten Weg verlassen; verdorben sind sie alle, ausnahmslos. Niemand ist da, der Gutes tut, nicht einer. « (Römer 3, 10-12) Und das gilt auch für Hiob. –

Was Elifas da in seinem Gesicht erfahren hat, ist eine grundlegende, biblische Wahrheit, die er und seine Freunde wohl auch ohne dramatische Erscheinung hätten wissen können: Alle Menschen sind Sünder, alle sind schuldig, aber allen gilt auch die Gnade und Vergebung Jesu.

Hiob war schuldig - so wie wir alle schuldig und verdammt sind. Sein Unglück war sicher eine Konsequenz davon, dass der erste Mensch sich von Gott entfernt hatte. Aber es war nicht eine persönliche, spezifische Strafe Gottes für eine bestimmte Sünde Hiobs. Für mich ist einer der besten Sätze oder Weisungen des Elifas für Hiob dieser Rat: Beuge dich unter das allgemeine Menschenlos!

Wir beten:
Herr, gebe, dass wir in unserem Leiden, das uns als Menschen trifft, geduldig, demütig und vertrauensvoll bleiben und allezeit im Bewusstsein Deiner Nähe leben können. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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