Mittwoch, 22. Februar 2017
Predigtreihe über Amos– Teil 1 (Amos 1, 1 - 2, 5 )
Der Bibeltext:
(1,1) In diesem Buch steht, was Amos, einem Viehzüchter aus dem Dorf Tekoa, vom Herrn offenbart worden ist. Er empfing die hier aufgeschriebenen Worte als Botschaft für das Reich Israel zwei Jahre vor dem großen Erdbeben, als in Juda König Usija regierte und in Israel Jerobeam, der Sohn Joaschs.

(1,2) Amos sagte: Wie Löwengebrüll und Donnergrollen schallt es vom Zionsberg in Jerusalem her. Dort wohnt der Herr, im Zorn erhebt er die Stimme; da vertrocknen die saftigen Weiden, selbst der Wald auf dem Gipfel des Karmels verdorrt.

(1,3) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Damaskus haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Sie haben Gilead so grauenvoll verwüstet, als hätte man es mit eisernen Dreschschlitten gedroschen. Darum verschone ich sie nicht.

(1,4) Ich lege Feuer an die befestigten Paläste, die ihre Könige Hasal und Ben-Hadad gebaut haben.

(1,5) Ich zerbreche die Riegel an den Toren von Damaskus und gebe die Stadt ihren Feinden preis, auch die Herrscher von Bikat-Awen (Unrechtstal) und Bet-Eden (Lusthausen) bringe ich um. Die Bevölkerung von ganz Syrien wird nach Kir verschleppt. Das sage ich, der Herr.«

(1,6) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Gaza haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Sie haben ganze Dörfer entvölkert und ihre Bewohner an die Edomiter verkauft. Darum verschone ich sie nicht.

(1,7) Ich lege Feuer an die Mauern von Gaza, damit es seine Prachtbauten verzehrt.

(1,8) Auch die Herrscher von Aschdod und Aschkelon bringe ich um, die Stadt Ekron bekommt meine Hand zu spüren. Und der ganze Rest der Philister wird auch umkommen. Das sage ich, der Herr.«

(1,9) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Tyrus haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Sie haben den Freundschaftsbund mit Israel gebrochen und die Bewohner ganzer Dörfer an die Edomiter verkauft. Darum verschone ich sie nicht.

(1,10) Ich lege Feuer an die Mauern von Tyrus, damit es seine Prachtbauten verzehrt.«

(1,11) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Edom haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Den Israeliten, die doch ihr Brudervolk sind, haben sie erbarmungslos mit dem Schwert nachgestellt und den Hass immer aufs Neue geschürt. Darum verschone ich sie nicht.

(1,12) Ich schicke Feuer in ihr Land, damit es die Prachtbauten von Bozra verzehrt.«

(1,13) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Ammon haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Als sie ihr Gebiet zu erweitern suchten, haben sie in der Landschaft Gilead sogar schwangeren Frauen den Leib aufgeschlitzt. Darum verschone ich sie nicht.

(1,14) Ich lege Feuer an die Mauern ihrer Hauptstadt Rabba, damit es die Prachtbauten verzehrt. Das Kriegsgeschrei dröhnt, wie ein brausender Sturm tobt die Schlacht, wenn das geschieht.

(1,15) Der Ammoniterkönig muss mit allen führenden Männern in die Verbannung. Das sage ich, der Herr.«

(2,1) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Moab haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Sie haben die Gebeine des Edomiterkönigs zu Asche verbrannt. Darum verschone ich sie nicht.

(2,2) Ich schicke Feuer in ihr Land, damit es die Prachtbauten von Kerijot verzehrt. Ihre Männer fallen in der tosenden Schlacht, unter dem Kriegsgeschrei und dem Lärm der Kriegshörner ihrer Feinde.

(2.3) Ihren Herrscher und alle führenden Männer bringe ich um. Das sage ich, der Herr.«

(2,4) Hört, was der Herr sagt: »Die Leute von Juda haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft. Sie haben mein Gesetz missachtet, meine Gebote übertreten und sich von falschen Göttern verführen lassen, genau wie ihre Vorfahren. Darum verschone ich sie nicht.

(2,5) Ich schicke Feuer in das Land, damit es die Prachtbauten Jerusalems verzehrt.«

Soweit die einführenden Reden des Propheten Amos im Alten Testament. Wie wir schon gemerkt haben, folgen hier viele Wiederholungen. Der Prophet nimmt sich ein Nachbarvolk nach dem anderen vor. Mit kurzen Worten beschreibt er ihre Vergehen und deutet an, dass da noch viel mehr zu sagen wäre. Darauf folgt dieser drohende Satz Gottes: „Darum verschone ich sie nicht“ und für alle 7 Hauptstädte wird ein Feuer als Strafe angekündigt, das die Mauern und Prachtbauten vernichtet.

Zunächst fragen wir uns aber: Wer war dieser Mann Amos, der mit solch einem Paukenschlag der Gerichtsbotschaften auftritt?

Wer war Amos? In den ersten Versen seines Buches stellt er sich selbst vor. „In diesem Buch steht, was Amos, einem Viehzüchter aus dem Dorf Tekoa, vom Herrn offenbart worden ist“. – Gott gebrauchte sehr verschiedene Menschen als seine Propheten und Autoren für die Bibel. Amos war ein Viehzüchter aus Tekoa. Er hat nie seine Herkunft verschwiegen. In Kap 7 Vers 14 und 15 erklärt er seinen Kritikern: „Ich bin kein berufsmäßiger Prophet und gehöre auch zu keiner Prophetengemeinschaft. Ich bin unabhängig; ich besitze Rinder und Maulbeerfeigenbäume. Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt und gesagt: Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!“

Eigentlich sind das keine guten Voraussetzungen für einen Prediger und Wortverkündiger. Was kann man schon von jemandem erwarten, der keine theologische Ausbildung hat, der nicht auf einer Bibelschule oder einem Seminar gewesen ist? Oder von jemand, der nicht wenigstens aus einer christlichen Familie stammt, in welcher der Vater ein Prophet, ein Priester, ein Lehrer oder ein Intellektueller war? Was weiß schon ein Viehzüchter von Gottes Plänen? Was weiß er schon von den politischen, sozialen und moralischen Problemen seiner Nachbarn? Kein Wunder, dass die Leute nicht auf ihn hören wollten. Das würde uns doch wohl genau so gehen.

Welche Gemeinde stellt schon einen Pastor ein, der keine theologische Ausbildung hat? Wir legen doch alle Wert auf einen entsprechenden Schulabschluss, auf Zeugnisse, Diplome und Titel. Und das vielleicht auch gar nicht zu unrecht. Jemand, der sein Fach studiert hat, versteht etwas von der Sache, er hat einen größeren Weitblick, tiefere Kenntnisse. Er kann sich ausdrücken und kennt die Fachsprache. Er hat Argumente und Gegenargumente parat und hat gelernt, Thesen, Artikel und Predigten zu schreiben.

Aber an Amos sehen wir, dass Gott nicht immer mit menschlichen Maßstäben misst. Er kann auch mal einen einfachen Mann vom Land, ohne Vorbildung und soziale Stellung in den Dienst rufen. Das müssen wir zugeben und anerkennen. Eine bescheidene oder fehlende Bildung disqualifiziert einen Menschen nicht unbedingt für ein geistliches Amt. Oftmals schon waren es gerade Laien, die große Bewegungen ins Leben gerufen haben. –

Andererseits sollen wir aber auch einen gut vorbereiteten und geschulten Diener Gottes nicht verachten. Manche Menschen glauben ja, dass die Bildung einen Christen verdirbt. Das Wissen mache ihn stolz oder liberal oder abgehoben. Er könne die Sorgen und Probleme des einfachen Mannes nicht mehr verstehen. Das mag vielleicht sein, aber wir haben auch genug Beispiele in der Bibel und in der Kirchengeschichte, wo Männer und Frauen mit einer hohen sozialen Stellung und exzellenten Ausbildung dem Herrn mit einem kindlich gläubigen Herzen folgten und dienten. Also wollen wir aus der Geschichte des Amos nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass man ungebildeten Propheten den Vorrang geben sollte.

Gerade, weil in der Welt ein gebildeter Mensch mehr Autorität hat als ein weniger qualifizierter wundert es uns, mit welch einer Vollmacht der Prophet Amos hier auftritt. Gleich zu Beginn seines Dienstes sagt er: „Wie Löwengebrüll und Donnergrollen schallt es vom Zionsberg in Jerusalem her. Dort wohnt der Herr, im Zorn erhebt er die Stimme; da vertrocknen die saftigen Weiden, selbst der Wald auf dem Gipfel des Karmels verdorrt“ – Mit dieser Aussage beruft er sich auf den Herrn, der ihn in seinen Dienst gestellt hat. Es ist der Gott Israels, der Schöpfer Himmels und der Erde; der Gott der das Unrecht in der Welt sieht und dem jede Menge Möglichkeiten zu Verfügung stehen, seine Macht zu beweisen, Gericht zu halten und zu strafen.

Amos war ein Viehzüchter aus einem kleinen, fast unbekannten Ort im Lande Juda. Er lebte zurzeit, als das Reich geteilt war. Dem Nordreich ging es damals wirtschaftlich sehr gut. Aber das imponierte dem Propheten nicht. Er sah den geistlichen Verfall, die Gottlosigkeit, die soziale Ungerechtigkeit und die Sünden des Volkes. Er sah aber nicht nur die Sünden seines eigenen Volkes, sondern auch die Verbrechen und Schandtaten der Nachbarvölker.

In seinem prophetischen Dienst beginnt Amos mit einer Reihe Gerichtsandrohungen für die Nachbarvölker. Es sind sieben Länder bzw. Hauptstädte, die er hier namentlich anspricht. Dabei erwähnt er keine Einzelheiten, nur immer denselben, markanten Satz, der nach der Lutherübersetzung so lautet: „Um drei, ja um vier Frevel willen derer von "Damaskus" will ich sie nicht schonen.“ Man hat oft herumgerätselt, was die Redewendung „Um drei, ja um vier Frevel willen“ bedeuten könnte. In der „Guten Nachricht Bibel“ wird das so übersetzt und zeigt damit gleichzeitig eine Auslegung. Es heißt: „Die Leute von Damaskus haben Verbrechen auf Verbrechen gehäuft.“ Das ist es wohl auch, was Amos sagen möchte: „Das Maß ist voll, Gott kann die Bosheit nicht mehr übersehen.“

Nun wundert es mich doch, wie der Viehzüchter aus Tekoa um seine Nachbarländer Bescheid weiß. Schon in den kurzen Sätzen zeigt es sich, dass Amos die Geschichte, die Kriege, die soziale Ungerechtigkeit und die Abgötterei dieser Länder kannte. Er sagt z.B. über Damaskus:„Sie haben Gilead so grauenvoll verwüstet, als hätte man es mit eisernen Dreschschlitten gedroschen.“ – Krieg zu führen ist eine Sache, aber Städte mit Zivilbevölkerung auszurotten ist eine andere. –

Über die Leute von Gaza: „Sie haben ganze Dörfer entvölkert und ihre Bewohner an die Edomiter verkauft.“ Hier geht es um Mord und Menschenhandel. Über die Leute von Ammon sagt er: „Als sie ihr Gebiet zu erweitern suchten, haben sie in der Landschaft Gilead sogar schwangeren Frauen den Leib aufgeschlitzt.“ - Das ist schon ungeheuerlich, wenn Soldaten schwangere Frauen auf solch grausame Weise ermorden. Da kann Gott doch nicht schweigen. – Amos kennt die Verbrechen der angeklagten Völker und er will die Sünden nicht einfach unter den Teppich kehren.

Nun frage ich mich doch, ob auch wir Christen die Geschichte, die soziale und religiöse Situation unserer Nachbarländer kennen, und ob wir über ihre Verbrechen an der Menschlichkeit betroffen sind. Wir in Europa hören immer wieder von Tschechien, von Bosnien, vom Kosovo, Slowenien und Kroatien. Aber ich könnte noch nicht einmal die Hauptstädte dieser Länder nennen. Amos hat sich offenbar mit seinen Nachbarn beschäftigt, er hat gewissermaßen die Zeitung gelesen, hat Informationen gesammelt und sicher auch für sie gebetet.

Nun nehme ich an, dass Gott dieses Wissen des Propheten dazu gebraucht, diesen Nachbarn eine Botschaft zu sagen. Dabei wird deutlich, dass Amos nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart der umliegenden Nationen kannte, sondern sogar ihre Zukunft. Das Wissen um die Zukunft kam jedoch nicht aus eigenem Studium und Bemühungen, sondern aus seiner Verbindung zu Gott. Er leitet seine Botschaft mit den Worten ein: „Hört, was der Herr sagt.“ Und der Rest ist wörtliche Rede Gottes. „Ich zerbreche die Riegel, Ich lege Feuer an die Mauern, damit ihre Prachtbauten verzehrt werden. Das sage ich, der Herr.“ Diese Gerichtsbotschaft ist für alle sieben erwähnten Städte fast gleich. Gott wird als Strafe die Mauern und Paläste durch Feuer vernichten. Ohne Mauern waren die Städte damals schutzlos. Und die Paläste wurden von den Reichen, den Regierenden bewohnt. Hauptsächlich sie hatten die Verbrechen verübt und sollten dafür bestraft werden.

Der Prophet Amos beginnt sein Buch mit einer Reihe Gerichtsbotschaften für die benachbarten Länder. Es kann aber sein, dass die Regierungen dieser Länder und Städte die Drohungen gar nicht gehört haben. Einmal war die Nachrichtenübermittlung in der damaligen Zeit noch recht langsam und unzuverlässig. So werden die Worte eines Predigers in Tekoa nicht so schnell an die Regierungen von Damaskus, Tyrus und Edom gelangt sein.

Zum anderen interessierte die stolzen Nachbarvölker eine Botschaft des Gottes Israels wenig. Sie hatten ihre eigenen Götter, denen sie dienten und verachteten Israel und seinen Gott. Obwohl also Gott, der Schöpfer und der Herrscher der Welt diesen Regierungen etwas zu sagen hatte, werden sie es doch wohl kaum vernommen haben. Daher habe ich den Eindruck, dass die Gerichtsworte an die Nachbarn hauptsächlich einen Eindruck auf Israel machen sollten.

Die Ankündigungen des Amos sollten einmal ein Erschrecken bei den Israeliten hervorrufen. Sie konnten sehen, dass Gott die Sünden der Nachbarvölker sieht, sie ernst nimmt und bestraft. Wie leicht könnte auch sie das Gericht treffen! Denn wenn Israel auch Gottes Volk war, so war es doch nicht heilig und frei von Sünden. Es war auch nicht sicher vor Zurechtweisung und Strafe. Das sollten die Leute merken. – Und ich meine, dass auch Christen immer daran denken sollten, dass nicht nur die anderen, die Gottlosen von Gott gerichtet werden. Auch unsere Taten und Unterlassungen sind dem Herrn nicht unbekannt und nicht gleichgültig.

Zum anderen glaube ich aber auch, dass die Worte des Propheten Amos gegen die Nachbarvölker wie Musik in den Ohren der Israeliten geklungen haben. „Endlich“ so werden viele gedacht haben, „endlich greift Gott ein und bestraft die bösen anderen. Endlich schwächt er sie, damit sie uns nicht mehr gefährlich werden können.“ So waren die Botschaften des Amos für viele Israeliten eine gute Nachricht, die sie gerne hörten und über die sie sich freuten. Sie haben aber nicht damit gerechnet, dass Amos sich gleich, nachdem er ihre Aufmerksamkeit und Zustimmung hatte, gegen seine Zuhörer selber richten würde. Auch ihre Sünden und Verfehlungen kannte der Herr und auch sie würden dafür bestraft werden.

Man kann sich immer wieder über den Mut der Propheten wundern. Sie haben oft sehr unbequeme Worte sagen müssen. Sie haben sich damit bei den Leuten unbeliebt gemacht und ihren Zorn herausgefordert. Nun mussten sie auch mit Feindschaft, Verfolgung und Tod rechnen. Amos war ein mutiger Mann.

Mir fällt auch auf, dass Gott in diesem Fall die Kriege, die Ungerechtigkeit und das Leid in der Welt nicht durch humanitäre Hilfe, durch Mitleid und Nächstenliebe bekämpft. Gott bekämpft nicht die Auswirkungen, sondern die Ursache der Not. Die Ursache der Armut, des Völkermordes, des Menschenhandels, der Gewalt und Grausamkeiten ist die Sünde. Da sind Menschen, die Unrecht tun, die Schuld auf sich laden und anderen Schaden zufügen. Gott begegnet diesen Missständen mit seinem Wort, mit einer Botschaft, mit Autorität und wenn nötig mit Strafe.

Die Zeit der Propheten war vielleicht eine besondere Zeit. Wir können es nicht so einfach mit heute vergleichen. Doch was wir verstehen müssen ist, dass das menschliche Herz heute noch das gleiche ist, wie damals – und dass Gott der HERR, genauso gerecht und heilig ist wie zur Zeit Amos`.

Wir beten.
„Herr, wir danken Dir, dass Dir die Schuld und Sünde der Menschen nicht gleichgültig ist. Du bestrafst den, der es verdient, aber Du rufst auch zur Buße, damit Du Vergebung und Versöhnung schenken kannst. Gib, dass wir die Worte der Propheten verstehen und bei uns anwenden können. Amen.“

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

...bereits 1368 x gelesen