Donnerstag, 23. Februar 2017
Predigtreihe über Amos– Teil 5 (Amos 4, 1 – 5 )
Alle Menschen sind Sünder!“ – Das ist eine wichtige Aussage der Bibel. Diese Wahrheit sehen wir immer wieder in den Geschichten des Alten Testamentes illustriert. Wir finden sie in den Lehren des Neuen Testaments und wir erleben sie täglich um uns herum. „Alle Menschen sind Sünder!“

Nun mag es gewisse Typen geben, die weniger sündigen und andere mehr – aber ganz frei von Schuld ist niemand. Ja, wir neigen dazu, unsere eigenen Verfehlungen als klein und unbedeutend zu sehen – und die der anderen als groß und furchtbar.

Der Prophet Amos wendet sich in seinem 4 Kapitel besonders an die reichen Bewohner seines Landes. Reiche Menschen können ja auch viel Unrecht verüben. Sie zur Verantwortung für Ihre Verbrechen zu ziehen ist aber sehr schwer. Mit ihrem Geld können sie Zeugen, Richter und die Öffentlichkeit bestechen und sich frei kaufen. Gewöhnlich haben sie auch viele Verbindungen und Kontakte zu einflussreichen Leuten, die ihnen helfen.

Meistens sind da auch eine Reihe anderer Partner, die sich mitschuldig gemacht haben. Sie wollen natürlich auch nicht, dass da zu viel von ihren Machenschaften an die Öffentlichkeit dringt. Darum helfen sie dabei, das Unrecht zu vertuschen. Und wer hat schon den Mut, gegen einen wohlhabenden und einflussreichen Mann eine Anklage zu erheben? Das ist doch viel zu gefährlich. Die Reichen haben Mittel und Wege, einen Ankläger oder Zeugen zum Schweigen zu bringen.

Viel unkomplizierter ist dagegen die Sache, wenn ein armer Kerl aus der unteren Schicht des Volkes ein Verbrechen verübt. Ihn zu verklagen, zu verurteilen und auch gleich zu bestrafen ist recht einfach – jedenfalls in einem totalitären Staat. Der kleine Mann kann sich nicht verteidigen, kann keinen Anwalt bezahlen und kann niemanden bestechen. Arme Leute werden oft gar nicht erst gehört. Es besteht das Vorurteil, dass sie sowieso in einer unmoralischen Umgebung leben. Sie sind es doch gewohnt zu lügen und zu stehlen. Von ihnen kann man nichts anderes erwarten, als Unmoral und Gesetzlosigkeit. Daher findet sich immer schnell jemand, der einen einfachen Bürger aus der unteren Schicht verklagt und verurteilt.

Reiche dagegen brauchen meist keinen Kläger zu fürchten. Wer sollte schon gegen sie aussagen wollen? Gerade aus diesem Grund hat Gott selbst sich zum Ankläger der Reichen und Anwalt der Armen gemacht. Nicht etwa weil die Armen besser wären oder sie in den Augen Gottes mehr Wert hätten.

Der Grund, weshalb Gott ihre Partei ergreift ist wohl der, dass einfache Leute sonst keinen Fürsprecher und Helfer haben. Darum sendet er seinen Propheten der den selbstsicheren Vertretern des Volkes ihre Schuld und Sünde vorhält. In dem folgenden Abschnitt aus Amos Kap. 4, 1 – 5 wendet sich der Bote Gottes gegen die reichen Frauen Samariens.

Der Bibeltext:


(4,1) „Hört, ihr Frauen von Samaria, gut genährt und schön wie Baschans Kühe! Ihr unterdrückt die Schwachen und schindet die Armen. Ihr sagt zu euren Männern: »Los, schafft uns zu trinken herbei!«

(4,2) Der Herr, der mächtige Gott, hat bei seinem heiligen Namen geschworen: »Die Zeit kommt, dass man euch mit Fanghaken herausholen wird, die Letzten von euch mit Fischangeln.

(4,3) Eine nach der andern müsst ihr durch die nächste Bresche in der Mauer hinaus und sie werden euch in Richtung Hermon fortjagen. Das sage ich, der Herr!«

(4,4) »Kommt zum Heiligtum von Bet-El - und sündigt! Kommt zum Heiligtum von Gilgal - und begeht Verbrechen! Feiert am ersten Festtag eure Mahlopfer und am Tag darauf die Ablieferung eurer Zehnten!

(4,5) Lasst gesäuertes Brot als Dankopfer in Rauch aufgehen und kündigt freiwillige Opfer an - so laut, dass alle es hören! So liebt ihr es doch, ihr Leute von Israel!« Das sagt der Herr, der mächtige Gott.“

Zuerst also wendet sich der Prophet an die reichen Frauen Samariens. Er hat da einen drastischen Vergleicht. „Gut genährt und schön wie Baschans Kühe.“ Das klingt nicht sehr schmeichelhaft. Besteht da wohl eine Aussicht, dass sich diese Frauen von einem Propheten aus dem Bauernstand etwas sagen lassen?

Wenn ich mir die Situation anschaue, dann muss ich mich fragen: Was soll wohl die Botschaft des Propheten bewirken? Hier sind die einflussreichen, an Luxus gewöhnten Frauen Samariens. Sie leben wie sie wollen und lassen sich von niemandem sagen, was sie tun oder lassen sollen. Sie haben sogar Mittel und Wege unbequeme Mahner aus der Welt zu schaffen.

Auf der anderen Seite steht dieser Prophet Gottes. Er ist ein einfacher Mann, ein Bauer aus einem Nachbarland. Was er diesen Frauen zu sagen hat, klingt nicht gerade schön. Es kann durchaus als Beleidigung und Verleumdung verstanden werden. Im schlimmsten Fall muss Amos dann wegen seiner Reden mit Gefängnis und Tod rechnen. Im günstigsten mit Spott und Verachtung. Jedenfalls hat er kaum Aussicht, dass seine Worte gehört werden. Und wahrscheinlich wird niemand aufgrund der Anklagen und Drohungen Gottes sein Verhalten ändern. Wenn Amos eine wirkliche Veränderung in der Gesellschaft erreichen will, dann müsste er wohl anders vorgehen: diplomatischer, vorsichtiger, mit Hilfe anderer Parteien und bedeutender Personen.

Wir wissen doch auch aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, das hochmütige, rebellische oder gesetzeswidrige Verhalten eines Mitmenschen zu verändern. So etwas ist schon bei den eigenen noch kleinen Kindern schwierig. Wenn wir ihnen sagen: „Ich möchte, dass Du Dein Zimmer aufräumst, oder Deine Schularbeiten machst!“ Dann tun sie es doch gerade nicht. Es ist ein schwieriges Problem für den Boten Gottes: Wie sage ich es dem Sünder, dass er seine Schuld zugibt und sich ändert?

1.- Ich weiß nicht, ob Amos wirklich mit großen Veränderungen gerechnet hat. Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls ist offenbar nichts geschehen von dem was er erreichen wollte. Also könnte man sagen, seine Mission war erfolglos. Das Volk hat sich nicht bekehrt. Aber wie schon gesagt, ich denke für Amos und für Gott war es keine Überraschung. Vielleicht ging es auch gar nicht einmal so sehr um einen augenblicklichen Gesinnungswandel. Ich nehme an, es war einfach wichtig, dass die Dinge ausgesprochen wurden. Jemand musste es laut sagen, dass hier Unrecht geschah. Jemand musste auf die Folgen des gottlosen Lebens aufmerksam machen und Warnungen und Drohungen aussprechen.

2.- Es kommt ja auch immer noch darauf an, wer einen auf seine Fehler aufmerksam macht. In diesem Falle war es Gott durch den Propheten. Die Anklage kommt also von höchster und unparteiischer Seite. In jedem Fall ist es Gottes Sache, Recht zu sprechen. Alle weltlichen Gerichte handeln eigentlich nur im Auftrag Gottes. Auch die Richter unserer Tage haben letztlich keine Autorität von sich selbst. Gott hat ihnen die Richtlinien für ihre Urteile gegeben und in seinem Interesse sorgen sie für Ruhe, Ordnung und Gerechtigkeit. Auch im Fall der reichen Frauen von Samarien waren es nicht der Prophet, nicht die Priester, nicht die armen unterdrückten Bürger und auch nicht eine starke Nachbarnation die zu Gericht saßen. Es war Gott selbst. Er spricht Recht, so wie ER es sieht ist es richtig, sein Urteil gilt

3.- Nachdem Gott die Sünde dokumentiert und verurteilt hat, muss auch das Gericht vollstreckt werden. Dazu hat er mehrere Möglichkeiten. A.- Er kann eine Naturkatastrophe schicken, um das Urteil zu vollstrecken. Eine Hungersnot, eine Dürre, Insektenplagen oder Krankheit (Pest). Darüber spricht er im nächsten Kapitel. Das sind übernatürliche Gerichte, die direkt von Gott kommen. –

Eine weitere Möglichkeit die Schuldigen zu bestrafen ist durch andere Menschen. Da sind die Nachbarvölker Israels, die Gott immer wieder als Zuchtrute und Strafvollstrecker gebraucht hat. Gott gebraucht sie um zu strafen - nicht weil sie heiliger oder besser oder kompetenter sind – sondern weil kein übergeordnetes Gericht da ist. Wir fragen uns: „Warum gibt es Kriege in der Welt?“ Gott gebraucht den Krieg, um verfilzte Strukturen der Korruption zu zerschlagen. Er braucht einfallende Nachbarvölker, um selbstherrlich und zu mächtig gewordene Millionärscliquen in die raue Wirklichkeit zurück zu holen.

Einen letzten Gedanken möchte ich noch aus den Versen 4 und 5 des gelesenen Bibelabschnitts erwähnen. Da sagt der Prophet: »Kommt zum Heiligtum von Bet-El - und sündigt! Kommt zum Heiligtum von Gilgal - und begeht Verbrechen! Feiert am ersten Festtag eure Mahlopfer und am Tag darauf die Ablieferung eurer Zehnten! Lasst gesäuertes Brot als Dankopfer in Rauch aufgehen und kündigt freiwillige Opfer an - so laut, dass alle es hören! So liebt ihr es doch, ihr Leute von Israel“

Dies ist mal eine Bibelstelle, in welcher der Sarkasmus unüberhörbar ist. Der Prophet ruft zum Sündigen auf. Das kann doch wohl nicht sein ernst sein?! Ein Prophet? In der Bibel? Ich kann mir das nur so erklären, dass Amos eingesehen hat, dass seine Mahnungen und Drohungen nicht gehört werden. Die Leute werden ihr Leben nicht ändern. Jeder weitere Versuch, die reichen Israeliten von ihren Verbrechen zu überzeugen bewirkt nur Protest und Rebellion. Also versucht Amos es anders herum. Er fordert seine Hörer auf zu sündigen. Vielleicht hilft ihnen das zu erkennen, auf welchem Weg sie sind. Vielleicht provoziert dieser Aufruf sie auch zur Rebellion und Gegenreaktion. Nach dem Motto: wenn sie sündigen sollen – dann wollen sie auch schon nicht mehr. Wenn der Prophet sie nicht mehr zurechtweist, dann macht es auch keinen Spaß mehr böse zu sein. –

Aber vielleicht steckt auch noch eine andere Strategie dahinter: Manchmal braucht der Mensch erst ein Schockerlebnis ehe er merkt, dass er auf dem Weg in den Abgrund ist. Es muss etwas Furchtbares passieren, bis er seine Richtung ändert. Oder jemand muss erst die Sünde seines Lebens begangen haben, bevor er merkt, dass es wirklich schlecht um ihn bestellt ist. Bis dahin helfen keine Zurechtweisungen und keine Ermahnungen – Manchmal können solche Sünden auch etwas ganz Banales sein. Der Prophet Jona war auf seiner Flucht von Gott weg nur mäßig von dem Unwetter auf See beeindruckt. Er schlief, während die anderen um ihr Leben bangten. Als jedoch ein wenig später irgendein Rizinusstrauch in seiner Nähe verwelkte, war er zutiefst betroffen und beleidigt.

Manch ein Soldat hat im Krieg die größten Grausamkeiten begangen, ohne Gewissensbisse dabei zu spüren. Aber wenn er nach Hause kommt, und seinem kleinen Sohn eine Enttäuschung oder Kummer bereitet hat, dann fühlt er sich wirklich als schlechten Menschen. - Ein Unternehmer kann über Leichen gehen, betrügen und seine Angestellten kaltblütig ins Unglück stürzen. Aber wenn die Katze den Kanarienvogel gefressen hat, weil er den Käfig offen ließ, dann wird er von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen geplagt. „Sündiget wacker drauf los“ soll auch Martin Luther gesagt haben, in der Hoffnung, dass dem Menschen irgendwann einmal erschreckt bewusst wird, wie schlecht er wirklich ist. Erst wenn das Maß der Schuld voll ist oder die richtige Sünde passiert ist, wacht die Person auf und versteht, was gemeint ist. Erst an diesem Punkt kann sie erkennen, dass sie ein verlorener Sünder ist. Und erst dann geschieht Buße, Umkehr und Vergebung der Sünde. Vergebung und Erlösung sind solange theoretische Begriffe, bis man selber einmal erschreckt entdeckt, dass man wirklich Vergebung braucht, weil man ein Sünder ist. Eigentlich will Gott ja nicht, dass wir sündigen. Aber wenn wir total unempfindlich für Recht und Unrecht geworden sind, dann kann vielleicht noch ein Fall in einen tieferen Abgrund helfen.

Noch etwas Eigenartiges sagt der Prophet Amos im Vers 5 „Feiert am ersten Festtag eure Mahlopfer und am Tag darauf die Ablieferung eurer Zehnten! 5 Lasst gesäuertes Brot als Dankopfer in Rauch aufgehen und kündigt freiwillige Opfer an - so laut, dass alle es hören! So liebt ihr es doch, ihr Leute von Israel!«

Auch diese Aufforderung zum Gottesdienst ist sarkastisch gemeint. Der Prophet sieht den klaffenden Unterschied zwischen den Verbrechen des Volkes und seiner Religiosität. Die Menschen übertreten Gottes Gebote und begehen alle Arten von Unrecht. Aber – als ob nichts geschehen wäre – feiern sie ihre Gottesdienste. Sie bringen Gott Opfer und Abgaben und schämen sich nicht, ihre Frömmigkeit zur Schau zu stellen. „Wie können Ausbeuter und Verbrecher auch noch fromm sein und Gottesdienste besuchen.“ Das fragt man sich auch heute noch. Irgendwie erwartet man doch von jemand, der in die Kirche geht, dass er sich moralisch besser verhält, als andere Leute. Man erwartet, dass er freundlich und geduldig ist, friedfertig, ehrlich, hilfsbereit und liebevoll. Und das kann man auch mit vollem Recht erwarten. Wenn die Gottesdienstbesucher aber die christlichen Tugenden nicht pflegen, dann sagt man zutreffend von ihnen: sie sind Heuchler, Scheinheilige und Frömmler. Es besteht der Verdacht, dass sie ihre religiösen Traditionen nur bewahren, um ihre boshafte Gesinnung zu tarnen. Ihre Frömmigkeit dient in Wahrheit als Deckmantel für ihre Unmoral.

„Feiert am ersten Festtag euer Mahlopfer!“ fordert der Prophet die Leute auf. Aber eigentlich meint er wohl. „Feiert eure Gottesdienste nicht. Was ihr macht ist Heuchelei. Ihr bringt unseren Gott, seinen Tempel und sein Wort in Verruf!!! Lasst das doch, wenn ihr sowieso nicht auf Gott hören wollt!“ – Vielleicht gelingt es dem Propheten aber doch durch diese umgekehrte Botschaft das zu erreichen, was er eigentlich erreichen will.

Was will Amos erreichen? – Eigentlich will er erreichen, dass die Israeliten nicht mehr mit dieser Doppelmoral fortfahren. Er möchte auch, dass sie mit der Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit aufhören und endlich tun, was Gott erwartet. Er möchte, dass seine Mitbürger die Gottesdienste besuchen – aber sie sollen es mit aufrichtigem Herzen tun. „ Feiert die Ablieferung eurer Zehnten! Lasst gesäuertes Brot als Dankopfer in Rauch aufgehen.“ Sagt Amos. Das ist alles richtig und gut. Aber wenn es nicht ehrlich gemeint ist und das Herz Gott nicht ehrt, dann ist es Spott und Hohn. Dann fügt es zu all den Übertretungen und Sünden des Volkes noch eine große, vielleicht die größte Schuld dazu: die Missachtung Gottes. Auf diesem Hintergrund kommt die ernste Drohung des Propheten: „Der Herr, der mächtige Gott, hat bei seinem heiligen Namen geschworen: »Die Zeit kommt, dass man euch mit Fanghaken herausholen wird. Eine nach der andern müsst ihr durch die nächste Bresche in der Mauer hinaus und sie werden euch in Richtung Hermon fortjagen. Das sage ich, der Herr.“ Das bedeutet dann Verlust allen Reichtums, der Stellung und der Heimat. Es bedeutet ein Leben in der Fremde als Sklaven. Schluss dann auch mit allem Hochmut, frommen Schein und Unrecht.

Eigentlich möchte Gott aber nicht, dass es so weit kommt. Er möchte vorher die Buße und Reue des Volkes, damit er ihm vergeben und es retten kann. Das gleiche Anliegen hat Gott auch mit uns. Aus Liebe lässt er uns auf unsere Fehler aufmerksam machen, damit wir zur Einsicht kommen und uns ihm zuwenden. Dann kann er uns vergeben und erretten und ewiges Leben bei ihm schenken.

Wir beten:
Herr Du weißt wer von uns seine Sünde und Verlorenheit noch nicht erkannt hat. Schenke ihm die aufrüttelnde Erfahrung die er braucht, um sich an Dich zu wenden. Danke, dass bei Dir Vergebung, Errettung und Heil ist. Amen.

Rüdiger Klaue

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