Donnerstag, 2. März 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 12: Ist Hiob schuldig? (Hiob 9,15 - 10,17)
Hiob hadert mit Gott. In seiner Rede in Kapitel 9 nimmt er kein Blatt vor den Mund und sagt, was er empfindet. Er fühlt sich ungerecht behandelt und sieht keine Möglichkeit, von Gott gehört oder beachtet zu werden.

Der Bibeltext:


(9,15) »Ich bin im Recht und darf mein Recht nicht fordern! Soll ich ihn etwa noch um Gnade bitten, ihn, der das Urteil schon beschlossen hat?

(9,16) Selbst wenn er sich dem Rechtsverfahren stellte – dass er mich hören würde, glaub ich nicht.

(9,17) Gott sendet seinen Sturm und wirft mich nieder, ganz ohne Grund schlägt er mir viele Wunden.

(9,19) Soll ich Gewalt anwenden? Er ist stärker! Zieh ich ihn vor Gericht? Wer lädt ihn vor?

(9,20) Ich bin im Recht, ich habe keine Schuld, doch was ich sage, muss mich schuldig sprechen.

(9,24) Gott hat die Erde Schurken übergeben und alle Richter hat er blind gemacht. Wenn er es nicht gewesen ist, wer dann?

(9,27) Wenn ich mir sage: ›Gib das Klagen auf, vergiss den ganzen Jammer, lach doch wieder!‹,

(9,28) dann packt mich gleich die Angst vor neuen Qualen; ich weiß es ja, Gott spricht mich doch nicht frei.

(9,29) Er will mich unbedingt für schuldig halten. Was hilft es, meine Unschuld zu beweisen?

(9,32) Ach, wäre Gott doch nur ein Mensch wie ich, ich wüsste, welche Antwort ich ihm gäbe: er müsste mit mir vor Gericht erscheinen!

(9,33) Gäbe es doch einen Schiedsmann zwischen uns, dem wir uns alle beide beugen müssten!

(9,34) Dann dürfte Gott mich nicht mehr weiterprügeln und würde mir nicht länger Angst einjagen.

(9,35) Ich könnte reden, ohne mich zu fürchten. Jedoch in meinem Fall geht Macht vor Recht! »

Ich kann mir vorstellen, dass manch ein kritischer Christ genau so denkt, wie Hiob. »Gott macht doch mit mir, was er will. Ich bin ihm gegenüber immer auf der Seite des Verlierers. «

Andererseits denke ich, dass manch ein Christ sich scheuen würde, solche Worte in den Mund zu nehmen. Er würde es als Gotteslästerung empfinden, wenn er z.B. sagen würde. »ich weiß es ja, Gott spricht mich doch nicht frei. Er will mich unbedingt für schuldig halten. Was hilft es, meine Unschuld zu beweisen? « (Verse 28-29).

Hiob sieht in seiner Not zwar die Allmacht und Souveränität Gottes; das bewundert er! Gott herrscht über das Weltall und die ganze Natur. Das vermittelt uns Vertrauen und Geborgenheit, weil wir wissen, Gott ist stark und mächtig und hält die ganze Welt in seiner Hand. Auch wissen wir, dass Gott uns liebt und es immer gut mit uns meint. Niemals wird er uns etwas Böses antun.

Auf der anderen Seite zeigt Gottes Souveränität auch unsere Abhängigkeit von ihm und seinen Entscheidungen. Es zeigt unsere Machtlosigkeit, weil wir nichts von ihm fordern oder einklagen können. Wenn wir Gottes Souveränität bedenken wird uns klar, dass wir völlig an ihn ausgeliefert sind. Das gilt einmal

1.- für unser Leben. Wir können nicht bestimmen, ob und wann wir geboren werden. Das entscheidet ein Höherer für uns. Wir können unser Äußeres und unseren Charakter nur wenig verändern. Unsere Neigungen, Fähigkeiten, Gaben, Interessen sind uns zum großen Teil mitgegeben. Und sie sind bei uns allen verschieden. Gott hat uns so gemacht, wie ER wollte - und nicht so, wie wir gerne sein möchten, oder nicht sein möchten.

In Matthäus 6, 27 erinnert Jesus uns daran, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben wenn er sagt: »Wer von euch kann durch Sorgen sein Leben auch nur um einen Tag verlängern?«

2.- In Bezug auf unser Wohlergehen sind wir Gott ausgeliefert. Ja, er liebt uns und möchte uns glücklich sehen und Leiden und Not von uns fern halten. Es ist für mein Verhältnis zu Gott sehr wichtig, dass ich grundsätzlich weiß, Gott liebt mich. Ich brauche seine Größe und Stärke, seinen Ärger und seine plötzlichen Einfälle nicht zu fürchten. Er liebt mich.

Aber Gott ist nicht verpflichtet, sich den ganzen Tag darum zu bemühen, dass ich happy bin. Gott liebte Hiob und Hiob liebte Gott. Daran ist kein Zweifel. Trotzdem musste Hiob durch schwere Prüfungen gehen, dass er fast am Leben verzagte. Gott kann immer nach seiner Weisheit und seiner Souveränität mit uns verfahren und wir haben keine Autorität, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

3.- Auch unsre Gesundheit ist in seiner Hand. Zwar hat Jesus viele Kranke geheilt und manche erstaunliche Wunder getan, aber er ist nicht verpflichtet alle Menschen gesund zu machen. Wir können uns auf Verheißungen in der Bibel berufen, die damit zu tun haben, dass Jesus unsere Krankheit getragen hat und uns heil und gesund machen möchte. Wir haben auch viele Beispiele davon in der Bibel wie Jesus Menschen geheilt hat.

Aber wir haben vielleicht auch eben so viele Beispiele von Personen, die nicht geheilt wurden, die sehr gelitten haben und schließlich gestorben sind. Eine Reihe Könige im Alten Testament waren krank und sind an ihrem Leiden gestorben. Propheten haben oft viel gelitten, sind gefoltert und eingesperrt worden.

Nicht viel anders ging es den Aposteln im Neuen Testament. Und Christen durch alle Jahrhunderte haben die Erfahrung von Schmerzen, Krankheit, Missbildung, Siechtum und Behinderung machen müssen. Und sie sind dabei gereift und haben durch ihre Ergebenheit und Anbetung zu Gottes Ehre beigetragen. Gott ist souverän und unsere Gesundheit ist in seiner Hand.

4.- Ähnlich verhält es sich auch mit dem Reichtum. Immer noch gelten Fleiß und Sparsamkeit als Grundpfeiler für Wohlstand und Reichtum. Gehorsam gegen Gottes Gebote, Gebet, Barmherzigkeit und Gebefreudigkeit haben die Verheißung der Bibel, dass Gott Segen ausschütten wird.

Allerdings fällt manchen Leuten der Reichtum auch ohne Mühe einfach zu. Dann geht es ihnen so, wie dem reichen Kornbauern. Ohne irgendwelche Anstrengung und Verdienst hat Gott ihn auf einmal reich gemacht.

Andererseits werden auch Leute ohne eigenes Verschulden arm - oder sie kommen aus ihrer Armut nicht heraus, trotz aller Bemühungen. Hiob war es ja so ergangen. Er war sehr reich! Und ohne sein Verschulden hatte er auf einmal alles verloren. Seine Reaktion darauf war: »Der Herr hat gegeben und der Herr hat genommen. Ich will ihn preisen, was immer er tut! «

Natürlich berechtigt uns Gottes Souveränität nicht zu Tatenlosigkeit und Faulheit - aber sie erinnert uns daran, dass wir nicht alles in der Hand haben, dass nicht alles machbar ist.

5.- Gerechtigkeit ist Gottes Domäne. Es ist, wie Hiob sagt: »Ich bin im Recht und darf mein Recht nicht fordern! Selbst wenn er sich dem Rechtsverfahren stellte – dass er mich hören würde, glaub ich nicht. « (Verse 15-16).

Was Sünde ist und wer schuldig ist, das zu sagen steht allein Gott zu. Wir können nicht mit ihm diskutieren. Unsere Logik, unser Moralverständnis, unsere Vorstellungen von Gut und Böse können zwar in unseren Augen richtig sein, aber Gott fällt das endgültige Urteil. Er ist der letzte Richter. Und er schaut nicht darauf, wie reich ein Mensch ist, wie viel Einfluss er hat, was er alles geleistet hat, er schaut nicht darauf, was der Mensch zu seiner Verteidigung vorbringen mag, was für Erklärungen und Entschuldigungen er hat.

Gott spricht gerecht oder verurteilt, nach seinem souveränen Ratschluss. Und er braucht nicht einmal einen Zeugen. Aber das Gute ist, dass wir einen Fürsprecher haben. Auch wenn Gott uns verurteilt, so reinigt uns doch Jesu Blut.

6.- Gott ist souverän auch in Bezug auf unsere Erlösung. In Römer 3, 23+24 sagt Paulus: »Alle sind schuldig geworden und haben die Herrlichkeit verloren, in der Gott den Menschen ursprünglich geschaffen hatte. Ganz unverdient, aus reiner Gnade, lässt Gott sie vor seinem Urteil als gerecht bestehen – aufgrund der Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist. « -

Da sagt die Bibel, dass alle Menschen schuldig sind vor Gott - das ist klar. Sie haben die Herrlichkeit verloren. Doch weil Gott souverän ist und gnädig, kann er den Menschen gerecht sprechen. Das betont Paulus noch einmal in Römer 9, 16: »Es kommt also nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen an, sondern einzig auf Gott und sein Erbarmen.« -

Und noch deutlicher in Römer 9, 18-21:

(9,18) »Gott verfährt also ganz nach seinem freien Willen: Mit den einen hat er Erbarmen, die andern macht er starrsinnig, sodass sie ins Verderben laufen.

(9,19) Vielleicht wird mir jemand entgegenhalten: »Warum zieht uns dann Gott für unser Tun zur Rechenschaft? Wenn er bestimmt, dann kann doch niemand dagegen ankommen!«

(9,20) Du Mensch, vergiss nicht, wer du bist! Du kannst dir doch nicht herausnehmen, Gott zu kritisieren! Sagt vielleicht ein Gebilde aus Ton zu seinem Bildner: »Warum hast du mich so gemacht?«

(9,21) Und hat ein Töpfer nicht das Recht, aus einem Tonklumpen zwei ganz verschiedene Gefäße zu machen: eines, das auf der Festtafel zu Ehren kommt, und ein anderes als Behälter für den Abfall?«

Das sagt die Bibel über Gottes Souveränität in Bezug auf unsere Erlösung.

Ich möchte noch kurz auf die Frage eingehen, ob Hiob wirklich unschuldig war, wie er behauptete, oder ob der schuldig war, wie seine Freunde behaupteten. Dazu lesen wir uns Kapitel. Hier klagt Hiob:

(10,2) »Du kannst mich doch nicht einfach schuldig sprechen! Gott, sag mir jetzt, was wirfst du mir denn vor?

(10,3) Was bringt es dir, dass du so grausam bist?

(10,6) Was suchst du dann so eilig meine Schuld und spürst voll Eifer meinen Sünden nach,

(10,7) obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und niemand mich aus deiner Hand errettet?

(10,8) Mit deinen Händen hast du mich gestaltet und nun verschlingst du mich mit Haut und Haar.

(10,9) Vergiss es nicht: Du formtest mich wie Ton. –

(10,13) Und doch, ich weiß, dass du bei alledem ganz im Geheimen etwas anderes plantest:

(10,14) Du wolltest sehen, ob ich schuldig würde, um mir dann jeden Fehler vorzuhalten.

(10,15) Tu ich nun Unrecht, so ergeht' s mir schlecht. Tu ich das Rechte, lässt du's auch nicht gelten. Von Schmach und Schande bin ich wie benommen.

(10,16) Gelingt mir etwas und ich fühle Stolz, so machst du wie ein Löwe Jagd auf mich und ängstigst mich mit deiner Übermacht.

(10,17) Dir fehlt es nie an Zeugen gegen mich, damit du Grund hast, mir noch mehr zu grollen und immer neue Strafen zu verhängen.«

Hiob behauptet immer wieder, dass er Gottes Züchtigung zu unrecht erfährt. Er ist unschuldig in seinen eigenen Augen. Er hat wohl immer nach bestem Gewissen gehandelt, hat immer versucht, Gott zu gefallen und Gutes zu tun. Er hat sich von Gewalt, Betrug und Unmoral fern gehalten. Das behauptet er, und das wollen wir ihm auch glauben.

Aber offenbar hat er nicht verstanden, was Schuld und Sünde in Gottes Augen ist. Hiob kannte ja auch die 10 Gebote, die Auslegung des Gesetzes durch Jesus und auch nicht den Römerbrief, in dem Paulus genau erklärt, was Sünde ist und dass alle Menschen Sünder sind.

Hiob war schuldig, obwohl er ein anständiger, gottesfürchtiger Mann war. Er war schuldig, weil alle Menschen schuldig sind. Seit Adam und Eva Gottes Gebot im Paradies übertreten haben, sind wir von Gott getrennt. Wir leben außerhalb des Paradieses in einer gefallenen und verlorenen Welt. Unsere Neigungen und Veranlagungen sind seitdem korrupt. Deshalb können wir auch gar nicht ohne Sünde leben.

Hiob hatte bestimmt unbewusste Schuld auf sich geladen. Man kann es sich fast nicht vorstellen, dass er nie einen Streit mit seiner Frau gehabt haben sollte, dass er nie in seinem ganzen Leben gelogen hat, dass er nicht auch mal seine Geschäftspartner übervorteilt hat, dass er seine Knechte immer gerecht und wohlwollend behandelt hat, dass er immer selbstlos war und Gott an erste Stellt setzte. Seine Freunde versuchten ihm klar zu machen, dass er irgendwo gefehlt haben muss. Jedoch konnten sie ihn nicht überzeugen. Sie kannten wohl auch nicht die wahren Fehler Hiobs.

Neben den verborgenen Sünden und Schwächen musste Hiob sich bestimmt auch für seine Unterlassungssünden verantworten. Ohne Zweifel hatte er auch schon mal geschwiegen, wo er hätte reden sollen, er hat nicht Zeugnis abgelegt und allen erzählt, was Gott ihm bedeutet, er hat in bestimmten Entscheidungen nicht den Willen Gottes gesucht usw. All das war ihm vielleicht gar nicht so bewusst.

Er kannte auch den Anspruch Gottes auf Vollkommenheit nicht. Es war ihm nicht klar, wie genau Gott es mit der Sünde nimmt und wie folgenschwer eine Übertretung sein kann. Auch wenn Hiob seine Unschuld beteuerte und seine Vergehen nicht sah oder nicht so ernst nahm: er war schuldig.

Natürlich können wir ihn verstehen. Wir können sein Bemühen und seinen guten Willen sehen, wir können mit ihm sympathisieren. Aber das nimmt ihm nicht die Schuld ab. Gott hat ein anderes Mittel gefunden, um den Menschen heilig und rein zu machen. Er hat Jesus gesandt, der kam, um unsere Sünde auf sich zu nehmen und für unsere Schuld zu bezahlen.

Im Buch Hiob geht es immer wieder um die Frage »Warum muss der Mensch leiden? « Muss Hiob so leiden, weil er mehr gesündigt hat als andere? Kann oder soll er damit seine Schuld bei Gott bezahlen? Nein, Hiob kann seine Schuld nicht durch Leiden und Schmerzen abbezahlen. Das kann kein Mensch! Hiob wurde nicht wegen seiner Sünde gestraft. Sein Leid und seine Not war keine Strafe für seine Schuld. Es war eine Prüfung, ob Hiob Gott treu bleiben würde, auch wenn Gott ihm alle guten Gaben entzieht.

Wir alle sind schuldig vor Gott. Niemand von uns kann seine Sünde selbst bezahlen oder durch Leiden und Not büßen. Das Gericht über unsere Taten kommt erst am Ende der Zeit. Wer jedoch seine Schuld schon hier bekennt, bei durch Jesu Tod Vergebung und ewiges Leben erhalten.

Wir beten.
Herr, wir wissen, dass wir vor Dir schuldig sein. Aber Du kamst, um uns vor dem Gericht und der ewigen Strafe zu erretten. Dafür danken wir Dir und bitten Dich, erleuchte viele Hörer durch Deinen Heiligen Geist, damit ihnen Dein Erlösungswerk klar wird. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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