Dienstag, 28. Februar 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 5: Sinnfrage – Warum lässt Gott das zu? (Hiob 3,1-26)
Hiob hatte die sechs Schreckensbotschaften vernommen. All sein Besitz und seine Kinder waren ihm genommen. Seine Reaktion darauf war erstaunlich. Er sagte spontan: »Nackt kam ich aus dem Schoß der Mutter, nackt geh ich wieder von hier fort. Der Herr hat gegeben und der Herr hat genommen. Ich will ihn preisen, was immer er tut! « Diese Demut und Ergebenheit ist fast unbegreiflich angesichts der schweren Schicksalsschläge die Hiob erduldet hatte.

Nun kommen seine Freunde, um ihn zu trösten. Alle sitzen erst einmal sieben Tage in betroffenem Schweigen. Es scheint, als ob erst in dieser Zeit dem Hiob die Tragweite seines Unglücks voll bewusst wurde. Nun fällt es ihm nicht mehr so leicht zu sagen: »Der Herr hat gegeben und der Herr hat genommen. Ich will ihn preisen, was immer er tut! «

Schwere Fragen und Probleme bewegen den armen Mann nachdem er sich von dem Schock erholt hat. Er hadert nicht gerade mit Gott aber als erstes verflucht er den Tag seiner Geburt.

Der Bibeltext:

(3,1) »Danach öffnete Hiob seinen Mund und verfluchte seinen Tag.

(3,2) Und Hiob begann und sagte:

(3,3) Vergehen soll der Tag, an dem ich geboren wurde, und die Nacht, die sprach: Ein Junge wurde empfangen!

(3,4) Dieser Tag sei Finsternis! Gott in der Höhe soll nicht nach ihm fragen, und kein Licht soll über ihm glänzen!

(3,5) Dunkel und Finsternis sollen ihn für sich fordern, Regenwolken sollen sich über ihm lagern, Verfinsterungen des Tages ihn erschrecken!

(3,6) Diese Nacht - Dunkelheit ergreife sie! Sie freue sich nicht unter den Tagen des Jahres, in die Zahl der Monate komme sie nicht!

(3,7) Siehe, diese Nacht sei unfruchtbar, kein Jubel soll in sie hineinkommen!

(3,8) Es sollen sie die verwünschen, die den Tag verfluchen, die fähig sind, den Leviatan zu reizen!

(3,9) Verfinstert seien die Sterne ihrer Dämmerung; sie hoffe auf Licht, und da sei keines; und sie schaue nicht die Wimpern der Morgenröte!

(3,10) Denn sie hat die Pforte meines Mutterschoßes nicht verschlossen und Unheil nicht vor meinen Augen verborgen.

(3,11) Warum starb ich nicht von Mutterleib an, verschied ich nicht, als ich aus dem Schoß hervorkam?

(3,12) Weshalb kamen Knie mir entgegen und wozu Brüste, dass ich sog?

(3,13) Denn dann läge ich jetzt da und wäre still. Ich schliefe - dann hätte ich Ruhe –

(3,14) mit Königen und Ratgebern der Erde, die sich Trümmerstätten erbauten,

(3,15) oder mit Obersten, die Gold hatten, die ihre Häuser mit Silber füllten.

(3,16) Oder wie eine verscharrte Fehlgeburt wäre ich nicht da, wie Kinder, die das Licht nie erblickt haben.

(3,17) Dort lassen die Gottlosen ab vom Toben, und dort ruhen die, deren Kraft erschöpft ist.

(3,18) Sorglos sind dort die Gefangenen allesamt, sie hören nicht mehr die Stimme des Treibers.

(3,19) Klein und Groß sind dort gleich, und der Knecht ist frei von seinem Herrn.

(3,20) Warum gibt er dem Mühseligen Licht und Leben den Verbitterten

(3,21) - denen, die auf den Tod warten, und er ist nicht da, und die nach ihm graben mehr als nach verborgenen Schätzen,

(3,22) die sich bis zum Jubel freuen würden, Wonne hätten, wenn sie das Grab fänden -,

(3,23) dem Mann, dem sein Weg verborgen ist und den Gott von allen Seiten eingeschlossen hat?

(3,24) Denn noch vor meinem Brot kommt mein Seufzen, und wie Wasser ergießt sich mein Schreien.

(3,25) Denn ich fürchtete einen Schrecken, und er traf mich, und wovor mir bangte, das kam über mich.

(3,26) Ich hatte noch keine Ruhe und hatte noch keinen Frieden, und ich konnte noch nicht ausruhen - da kam ein Toben. «

Die Reden in diesem Buch Hiob spiegeln sehr stark die Kultur und die Umstände des Orient wieder. Die Sprache ist sehr bildhaft und blumenreich. Viele Aussagen wiederholen sich in verschiedenen Bildern und Vergleichen mit der Natur. Die Weisheit und Erkenntnis dieser Männer kam nicht aus Schulen und Büchern sondern aus dem Leben, aus der Beobachtung der Menschen und ihrer Umwelt.

Nun ist Hiob in großes Unglück geraten, das erste Mal so richtig in seinem Leben. Was er am Anfang wohl selber nicht geglaubt hat, ist eingetroffen: Es fällt ihm sehr schwer, das Leiden zu ertragen. Trauer und Schmerz lassen in fast verzagen. Und elementare Fragen fangen an, ihn zu quälen. »Wozu bin ich auf der Welt? Was soll mein Leiden? Es ist alles so traurig, so hoffnungslos, so schrecklich schmerzhaft und leidvoll. Warum bin ich nicht gleich gestorben - oder besser noch: ich wäre überhaupt nie geboren. «

Bei diesen Gedanken beginnt er den Tag seiner Geburt zu verwünschen. Er argumentiert: Wenn es diesen einen Tag nicht gegeben hätte, dann würde ich nicht existieren und hätte meine Ruhe. In Vers 3 sagt er: »Vergehen soll der Tag, an dem ich geboren wurde! « und in Vers 4. »Dieser Tag sei Finsternis! Dunkel und Finsternis sollen ihn für sich fordern, Regenwolken sollen sich über ihm lagern. –

Er freue sich nicht unter den Tagen des Jahres, in die Zahl der Monate komme er nicht! « Hiob wünscht also, diese Nacht, in der er empfangen wurde, möge es überhaupt nicht geben. Dann würde es auch ihn nicht geben. Keiner würde ihn vermissen und um ihn trauern - und er bräuchte jetzt diese Pein nicht zu erleiden. »Wie eine verscharrte Fehlgeburt wäre ich nicht da, « meint Hiob, »wie Kinder, die das Licht nie erblickt haben. « -

Warum starb ich nicht von Mutterleib an, verschied ich nicht, als ich aus dem Schoß hervorkam? « So fragt Hiob in seinem Unglück. Da war noch Zeit, denkt er, wo er vom Leben noch nichts wahrgenommen hatte. Er existierte zwar, aber er war sich dessen nicht bewusst. Er fühlte keinen Schmerz und keine Angst und es wäre leicht gewesen zu sterben. Wenn er schon im Mutterleib empfangen worden war, warum ist er nicht bei der Geburt gestorben? –

Und bei diesem Stichwort versucht Hiob sich vorzustellen, wie es im Reich der Toten aussieht. In Versen 17 bis 19 heißt es: »Dort lassen die Gottlosen ab vom Toben, und dort ruhen die, deren Kraft erschöpft ist. Sorglos sind dort die Gefangenen allesamt, sie hören nicht mehr die Stimme des Treibers. Klein und Groß sind dort gleich, und der Knecht ist frei von seinem Herrn. «

Hiob glaubt also, dass mit dem Tod alles aus sei. Das ist so eine Vorstellung, wie sie auch heute noch viele Leute haben. »Dann ist alles aus, dann hat man keine Sorgen mehr, keine Schmerzen, keine Behinderungen und Begrenzungen mehr. Dann ist es still und alle sind zufrieden. « Das ist aber nicht, was Jesus uns im Neuen Testament lehrt. Jesus spricht von einem Gerichtstag, wo wir vor Gott erscheinen müssen. Danach gibt es nur: ewiges Leben in Herrlichkeit - oder ewige Pein in der Verdammnis.

Woran Hiob hier wahrscheinlich denkt ist der Scheol oder das Totenreich, das ist weder die Hölle, noch der Himmel. Es ist so eine Art Warteraum für sowohl Gute als auch Böse bis zum Jüngsten Tag, wo Gott über alle Menschen Gericht halten wird. Im Scheol schlafen die Toten, sie befinden sich in einem Zustand der Ruhe, wo sie auch nichts wahrnehmen.
Deshalb meint Hiob, dass sie keine Sorgen und keine Schmerzen haben und still und zufrieden sein werden.

Wenn es denn so einen Warteraum für die Verstorbenen gibt, dann müssen wir beachten, dass das nicht das ewige Leben ist. Es ist ein vorübergehender Zustand bis zu einer endgültigen Entscheidung. Verschiedene Stellen in der Bibel, besonders im Alten Testament, lassen den Gedanken zu, dass es solch ein Totenreich gibt, welches noch nicht mit der Hölle gleichzusetzen ist. Andererseits wird dieser Ort nur erwähnt, aber es gibt keine besondere Lehre Jesu oder der Apostel darüber.

Hiob und seine Freunde haben offenbar an diesen Scheol geglaubt - aber nicht weiter gesehen. Es fehlte ihnen mehr Licht über die Zukunft. Sie standen am Anfang der Gottesoffenbarungen. Von Verdammnis und Hölle, von Erlösung und Himmel wussten sie noch so gut wie nichts. Hiob wünschte sich den Tod, weil er dachte, er würde dann für immer Ruhe haben, keine Schmerzen und Ängste mehr spüren.

In diesem 3. Kapitel verwünscht Hiob also den Tag seiner Geburt. Er meint, es wäre besser gewesen, er wäre nicht geboren worden. So zu denken ist verständlich angesichts der Leiden und des Elends auf der Welt.

Und viele Menschen mögen so seufzen: »Ach, wenn ich doch nur nicht geboren worden wäre! « Auch ich habe mir das schon oft gewünscht. Aber der Wunsch ist zwecklos und vergeblich. Es geht bei unserer Existenz nicht darum, ob wir wollen oder nicht. Keiner von uns wurde gefragt, ob wir auf die Welt kommen wollten. Es geschah einfach völlig ohne unser Zutun oder Zustimmung. Wir hatten keine Möglichkeit Abzulehnen oder Bedingungen zu stellen.

In dieser Sache gab es für uns keine Entscheidung, die wir hätten treffen müssen. - Und das ist gut so, denn wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, was hätten wir gesagt? Wenn Gott Dich gefragt hätte, ob du ein Leben auf dieser Erde wagen möchtest, was hättest Du gesagt? Ja, wenn Du von vorne herein wüsstest, dass es Dir wie Hiob ergehen und Du viel Schmerz und Qual durchmachen müsstest, würdest Du vielleicht abwinken. »Angesichts solcher Aussichten möchte ich lieber nicht geboren werden! « -

Dann würde es schon lange keine Menschen mehr geben. Aber wer weiß, vielleicht wären wir neugierig und würden auf jeden Fall die Gelegenheit wahrnehmen wollen. Das Leben kann ja auch sehr schön sein. Viel Freude und Glück und die ganze Palette der Gefühle würde mancher bestimmt nicht verpassen wollen. Und selbst wenn wir wüssten, dass ein Leben auf Erden Kämpfe, Leiden, Ängste und Probleme mich sich bringen würde, so kann es doch sein, dass wir diese Erfahrung würden machen wollen. Es ist also müßig und nutzlos darüber nachzudenken, welche Entscheidung wir treffen würden, wenn wir gefragt werden würden,

Keiner von uns wurde gefragt, wir alle sind hier, weil ein Höherer für uns entschieden hat. Und nun müssen wir damit fertig werden. Wir können unser Leben als Geschenk und Gelegenheit ansehen, um etwas daraus zu machen. Oder wir können es vergeuden, hassen, wegwerfen und vernichten.

Ich sagte, keiner wurde gefragt, ob er auf dieser Erde leben wolle. Das stimmt nicht ganz. Es gab einmal Einen, der wurde gefragt. Er hatte die Möglichkeit zu entscheiden, er konnte Ja oder Nein sagen. Dieser Eine war Jesus Christus, der Sohn Gottes. Und er kannte die Zukunft. Er wusste genau, dass ihn hier Ablehnung, Feindschaft, Spott, Leiden und viel Schmerzen erwarten würden. Er hätte »Nein« sagen können, er hätte weiter ein ruhiges Dasein in Glück und Herrlichkeit führen können. Aber er sagte ganz bewusst »ja«. Er wollte sein Leben geben um die Menschen zu erretten.

Hiob war reich, es ging ihm gut. Er hatte keinen Grund sich über den Sinn des Lebens Gedanken zu machen. Doch eines Tages traf ihn das Unglück. Er verlor all seinen Besitz und wurde bettelarm. Er verlor sein Ansehen und seine Würde. Er verlor seine große Familie und schließlich noch seine Gesundheit. Seine jetzige Lage brachte ihm Trauer, Schmach und Scham und vor allem Schmerzen und Leiden. Nun sitzt er auf einem Trümmerhaufen und hat Zeit sich fundamentale Fragen zu stellen. Er fragt: Warum bin ich zur Welt gekommen? Was ist der Sinn meines Lebens. Es kann doch nicht sein, dass ich zum Leiden und zur Qual geboren wurde! Wer kann mir Antworten geben? Wie kann ich meiner schrecklichen Lage entkommen?

So ist es oft. Erst wenn wir in Probleme und Prüfungen geraten, beginnen wir unserer Existenz auf den Grund zu gehen. Wir überdenken unsere Werte, unsere Ziele, unsere Lebensphilosophie und unseren Glauben.

Manche Leute verlieren in der Hitze der Leiden und Schmerzen ihren Glauben an Gott, an seine Liebe, Gnade und Gerechtigkeit und zum Schluss auch noch an seine Existenz. Sie verlieren ihren inneren Halt und alle Hoffnung. Dann werfen sie ihr Leben weg oder ersticken ihr Leid in Alkohol, Drogen, Vergnügen und Rausch.

Andere werden verbittert, klagen Gott und ihre Mitmenschen an, werden hart, üben Gewalt und verletzten andere wo sie nur können. Wieder andere - und dazu gehört wohl auch Hiob - fragen nach der Ursache für ihr schweres Schicksal, sie suchen Erklärungen für ihr Leiden und für den Grund ihres Daseins, und sie fangen an, Gott zu suchen. Und schließlich hören sie auf zu fragen, zu argumentieren und nach Erklärungen zu forschen und liefern sich und ihr Leben ganz dem Allmächtigen, Allwissenden und Allgegenwärtigen Gott aus.

Ich nehme an, dass die erste Rede Hiobs, sein Fragen nach dem Sinn seiner Geburt und seines Lebens und schließlich seines Unglücks, nicht einem trotzigen, rebellischen Herzen entsprang. Es war vielmehr ein Suchen nach Antworten, ein Erforschen des Ratschlusses Gottes, ein Versuch, sich Gott zu nähern, ihn besser zu verstehen und Hilfe und Beistand von ihm zu bekommen.

Es ist wichtiger, dass uns unsere Leiden zu Gott bringen, als dass wir Antworten auf komplizierte Fragen bekommen. Hiobs Prüfungen und Leid geschahen ja nicht, damit er sich reinigen und heiligen sollte, wie die Freunde Hiobs vermuteten, sondern es sollte dazu führen, dass Gottes Ehre groß werde. Und darum geht es in dieser ganzen Geschichte.

Satan will beweisen, dass der Mensch Gott nur liebt und folgt, solange es ihm gut geht. Doch Gott möchte sehen, dass das nicht stimmt und dass es auch Menschen gibt, die Gott lieben und ehren, selbst wenn er sie durch Leiden gehen lässt. Es gibt Männer und Frauen, die trotz unbeantworteter Fragen und mancher Rätsel fest an Gott glauben, ihn ehren und lieben. Und das ist wirklich etwas Großes.

Wir beten:
Herr, da sind sicher noch viele unbeantwortete Fragen über unser Dasein, den Sinn des Lebens und des Leidens. Wir wissen auch nicht, wie wir uns verhalten, wenn wir in solche Prüfungen geraten wie Hiob. Aber wir möchten auf jeden Fall in Deiner Nähe bleiben. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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