Donnerstag, 2. März 2017
Predigtreihe über Hiob – Teil 16: Konflikt – Teil 1 (Hiob 15,20-16,17)
Im Psalm 1 heißt es nach der Lutherübersetzung:

(1,1) »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,

(1,2) sondern hat Lust am Gesetz des HERRN und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

(1,3) Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl.

(1,4) Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.

(1,5) Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

(1,6) Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.«

Hinter diesen Worten, die wie ein guter Rat oder ein persönliches Zeugnis klingen, steht eine ganze Theologie. Die Theologie besagt: »Den guten Menschen wird es gut gehen. « Sie sind wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen…

Dieser Glaube war im Alten Testament unbestritten. In den Psalmen, den Sprüchen und bei den Propheten finden wir immer wieder diesen Gedanken: »Wer Gutes tut und in den Wegen Gottes wandelt, der wird Segen und Lohn empfangen. « Das empfinden wir auch als natürlich und gerecht. Diese Überzeugung ist eine gute Motivation zu einem anständigen Lebenswandel.

Im Buch Hiob nun, das wir in dieser Reihe betrachten, wird diese Theologie infrage gestellt. Wir sehen einen Mann, der ein sehr schweres Leben hat. Zuerst verliert er allen Besitz, dann seine Angehörigen und schließlich wird er noch so krank, dass ihm vor sich selber ekelt. Dabei war er ein gottesfürchtiger Mann, jemand, der viel Gutes tat, der versucht hat, nach dem Willen und den Geboten Gottes zu leben. Nun versteht er die Welt und Gott nicht mehr. Er hat doch nach der Theologie des ersten Psalms gehandelt und mit dem Segen Gottes gerechnet. Was er jetzt erlebt ist praktisch das Gegenteil von dem was er als Gottes Verheißung verstanden hat.

Hiobs und seine Freunde sind alle Vertreter der Theologie des ersten Psalms: »Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen … der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.« Für sie ist das eine unumstößliche Wahrheit und Verheißung Gottes. Wer »Lust am Gesetz des Herrn hat«, dem wird es gut gehen, der kann auch mit dem Segen Gottes rechnen.

Diese Denkweise ist bis heute noch sehr aktuell. Sie wird manchmal auch mit dem Begriff »Wohlstandsevangelium« bezeichnet. Das soll bedeuten: das Evangelium ist eine frohe Botschaft, die allen Glück und Segen bringt, die Gottes Gebote erfüllen. Daraus wird dann auch der Schluss gezogen: »Wem es schlecht geht, wer Sorgen und Leiden durchlebt, der ist selbst schuld, weil er ungehorsam, böse und gottlos war. «

So beschreibt Elifas von Teman im Kapitel 15 das Schicksal der bösen Menschen:

Der Bibeltext:

(15,20) »Der skrupellose Unterdrücker zittert sein Leben lang aus Angst vorm letzten Tag.

(15,21) In seinen Ohren gellen Schreckensstimmen; im tiefsten Frieden wartet er auf Räuber;

(15,22) er hofft nicht mehr, dem Dunkel zu entrinnen; das Schwert scheint über seinem Kopf zu schweben;

(15,23) schon sieht er Geier seinen Leichnam fressen. Er weiß, der Untergang ist ihm gewiss; der Tag der Finsternis

(15,24) stürzt ihn in Schrecken; verzweiflungsvolle Angst rückt auf ihn zu, bereit zum Angriff wie ein starker König.

(15,25) So geht's dem Mann, der seine Fäuste ballt, Gott, dem Gewaltigen, den Krieg erklärt. «

Elifaz glaubt fest an die Lehre: »Wem es schlecht geht, der hat Schuld auf sich geladen und leidet nun die Strafe Gottes. « Oder anders herum: »Leiden, Schmerzen, Krankheit, Armut und Misserfolg sind eine Strafe Gottes. « Diese Ansicht verteidigen Hiobs Freunde mit ganzer Überzeugung. Sie suchen und finden Beispiele, Erklärungen und Argumente, ihn zu bekräftigen. Dabei haben sie ja recht, sie haben Gottes Wort auf ihrer Seite. Ihr Standpunkt beruht ja darauf, dass Gott das Gute belohnt und das Böse bestraft. Das ist es ja auch, was wir unter Gerechtigkeit verstehen - und das wollen wir auch niemals verleugnen.

Nun kommt aber Hiob daher und stellt diese Überzeugung infrage: Er sagt: »Eure Theorie stimmt in meinem Fall nicht. « In Hiob 12, 6 lesen wir seine Worte: »Die Unheilstifter leben stets in Frieden; wer Gott zum Zorn reizt, ist in Sicherheit. Sie haben es geschafft, Gott einzufangen. «

Und Hiob klagt in Kapitel 16:

(16,7) »Gott hat sein Ziel erreicht: Ich bin am Ende, rings um mich ist es menschenleer geworden.

(16,8) Er gräbt mir tiefe Falten ins Gesicht, bis zum Gerippe bin ich abgemagert; und all das muss nun meine Schuld beweisen.

(16,9) Voll Zorn starrt er mich an, knirscht mit den Zähnen und reißt mir alle Glieder einzeln aus.

(16,10) Die Leute rotten sich um mich zusammen, sie reißen ihre Mäuler auf und spotten, sie schlagen mir voll Feindschaft ins Gesicht.

(16,11) Gott hat mich an Verbrecher ausgeliefert, mich schlimmen Schurken in die Hand gegeben.

(16,12) Aus meinem Frieden riss er mich heraus, er packte mich im Nacken, warf mich nieder. Dann nahm er mich als Ziel für seine Pfeile,

(16,13) die mich von allen Seiten dicht umschwirren. Erbarmungslos durchbohrt er meine Nieren, lässt meine Galle auf die Erde fließen.

(16,14) Er schlägt mir eine Wunde nach der andern, so wie ein Kriegsheer Breschen in die Mauer.

(16,15) Das Trauerkleid ist meine zweite Haut, besiegt und kraftlos liege ich im Staub.

(16,16) Ganz heiß ist mein Gesicht vom vielen Weinen, die Augen sind umringt von dunklen Schatten.

(16,17) Und doch, an meinen Händen klebt kein Unrecht und mein Gebet ist frei von Heuchelei! «

Das ist eine dramatische Rede Hiobs. Sie beschreibt sehr anschaulich wie es ihm geht. Und sie soll zeigen, dass Gott auch aufrichtige, gottesfürchtige Menschen wie Hiob niederwirft, ihnen Wunden schlägt und sie mit seinen Pfeilen durchbohrt. Damit stellt Hiob das alte Gottesbild infrage und fordert die Denkweise und den Glauben seiner Mitmenschen heraus. Elifaz, der Freund Hiobs ist da anderer Meinung.

Er kontert:

(15,11) »Du lehnst es ab, wenn Gott dich trösten will, wenn wir statt seiner ruhig mit dir reden.

(15,12) Warum nur regst du dich so schrecklich auf und lässt so wütend deine Augen rollen?

(15,13) Du richtest deinen Ärger gegen Gott und klagst ihn an mit lästerlichen Worten.

(15,14) Meinst du im Ernst, es gäbe einen Menschen, der rein und schuldlos ist vor seinem Gott?«

Da ist es wieder: Die Überzeugung, dass jeder, dem es schlecht geht, ein Sünder sein muss; und alles Unglück ist nur Strafe Gottes. Ohne dem zu widersprechen möchte ich noch einmal einiges zu bedenken geben.

Wie ich schon erwähnte war es in fast allen Religionen akzeptiert, dass der Böse von den Göttern, bzw. Gott bestraft wird und leiden muss. Das ist für uns logisch, verständlich und entspricht auch in etwa unserem Gerechtigkeitsempfinden.

Nun sagt Hiob: »In meinem Fall stimmt das nicht! Ich bin gerecht, ich lebe nach Gottes Geboten und mein Gewissen spricht mich frei. Trotzdem muss ich so viel leiden. « Hiob kommt durch seine Erfahrungen zu dem Schluss, dass es den Gottlosen nicht schlechter geht als ihm, ja dass sie sogar viel besser dran sind als er, der Gerechte. Sie sind nicht krank, arm, gedemütigt und verachtet wie er. Und sicher kann Hiob eine ganze Reihe Leute aus seinem Bekanntenkreis aufzählen, die nicht nach Gott fragen, ein unmoralisches Leben führen, korrupt sind und denen es trotzdem sehr gut geht.

Hier möchte ich Hiob - und alle, die so ähnlich denken - auf einiges aufmerksam machen.

1.- Längst nicht allen bösen Menschen geht es gut. Ich weiß nicht, ob es darüber Statistiken gibt, aber ich bin überzeugt, dass es nicht die Mehrheit ist. Bösen Menschen geht es oft sehr schlecht. Vielleicht durch ihr eigenes Verschulden und Verhalten, vielleicht durch Einflüsse für die sie nichts können.

Vielleicht aber auch, weil Gott sie in seine Schule genommen hat. Hiob - und viele enttäuschte und entmutigte Christen heute - sollten nicht so allgemein und so selbstverständlich sagen: »Den bösen Menschen geht es gut« - oder noch schlimmer: »Den bösen Menschen geht es besser als den Guten. « Das stimmt einfach nicht und wir sollten es nicht gedankenlos nachsprechen.

2.- Nicht alle Menschen, von denen wir meinen, es geht ihnen gut, geht es wirklich gut. Wir wissen selten, wie viele Sorgen und Ängste sie haben, wie viele schlaflosen Nächte, wie viele Feinde und Neider ihnen die Freude und Ruhe verderben. Nicht jeder, der ein teures Auto fährt, der einen feinen Anzug trägt, der ein großes luxuriös eingerichtet Haus bewohnt ist wirklich gut dran.

Viele von diesen Reichen sind in Wirklichkeit total verschuldet. Sie können etwas vortäuschen was gar nicht der Tatsache entspricht. Oft schon haben wir Bekannte oder Stars um ihr Geld und ihren Besitz beneidet, obwohl sie eigentlich bankrott waren und es ihnen schlechter ging als uns. Es geht nicht allen bösen Menschen gut, auch wenn es manchmal so den Anschein hat.

3.- Bösen Menschen geht es auch nicht immer gut! Es mag Zeiten geben, wo sie erfolgreich, stark und glücklich sind. Scheinbar gelingt ihnen alles ohne viel Mühe, es sieht so aus, als würden sie mit Betrug und Ausbeutung oder Gewalt ungestraft davon kommen und immer reicher und angesehener werden. Aber in ein paar Jahren mag das Bild völlig anders aussehen.

Dabei muss ich gerade an den libyschen Machthaber Gaddafi denken. Er war mächtig und reich und konnte tun und lassen was er wollte. Doch plötzlich ereilte ihn das Verderben. Wir dürfen nicht von dem augenblicklichen Zustand einer Person auf seine Zukunft und sein ganzes Leben schließen.

4.- Betrügerischen Geschäftsleuten, skrupellosen Machthabern, Schwindlern und Dieben mag es vielleicht nach unserer Wahrnehmung unverschämt gut gehen. Ihre Sünden werden offenbar nicht bestraft, sondern scheinbar noch belohnt. Sie werden immer reicher und selbstherrlicher und immer boshafter. Trotzdem ist das nicht das ganze Bild.

Vielleicht geht es ihnen finanziell gut, aber in ihren Beziehungen mit ihren Kumpels oder ihrer Familie haben sie die größten Schwierigkeiten. Vielleicht haben sie großen Besitz, Luxus und Macht aber im Verborgenen sind sie die Sklaven einer Sucht, oder Leidenschaft, die all ihren Reichtum und Luxus schnell zerstören und ihr Leben zu Ende bringen kann.

Andere scheinbar glückliche Bösewichte leiden vielleicht an Verletzungen aus der Zeit ihrer Kindheit, sie können Misshandlung und Enttäuschungen der Vergangenheit nicht überwinden. Sie sind wund und krank an ihrer Seele und in ihrem Gemüt. Wieder andere können sich nicht so annehmen wie sie sind, sie hassen sich, und ärgern sich über sich selbst - oder sie stehen mit Gott im Streit. Auf einem Gebiet ihres Lebens geht es ihnen wirklich gut, aber auf anderen Gebieten sind sie arm dran. Wenn wir - so wie Hiob - unseren Nächsten beurteilen oder beneiden, dann müssen wir auch sehen, dass nicht alles in seinem Leben zufriedenstellend verläuft.

Genau betrachtet stellen wir fest, dass es eigentlich nur sehr wenige böse Menschen gibt, denen es wirklich dauerhaft und ganzheitlich gut geht. Die meisten haben auch ihre Schmerzen und Krankheiten, ihre Begrenzungen und Verluste, so wie Hiob. Sie sind nicht erfolgreicher, mächtiger, glücklicher oder gesünder, als die Gottesfürchtigen. Allerdings müssen wir Hiob auch verstehen wenn er sagt. »Den aufrichtigen, friedfertigen, anständigen Menschen geht es auch nicht unbedingt besser als den bösen. « Das können wir an seinem Beispiel sehen.

In einem müssen wir Elifaz noch recht geben. Er fragt Hiob in Vers 14: »Meinst du im Ernst, es gäbe einen Menschen, der rein und schuldlos ist vor seinem Gott? « Die Antwort lautet: »Nein - es gibt keinen Menschen, der schuldlos ist. « Auch Hiob ist nicht schuldlos. Zwar mag er ein reines Gewissen haben und sich bemüht haben, nach Gottes Willen zu leben - aber sicher hat er es nicht geschafft, sündlos zu sein.

Darum braucht sich keiner zu beklagen. Wir alle haben uns von Gott entfernt und sind ihm ungehorsam geworden. Nun leben wir in einer gefallenen, korrupten Welt, in der es uns niemals wirklich dauerhaft gut gehen wird.

Aber gerade darum sind wir froh, dass Gott die Initiative ergriffen und uns eine Errettung und Erlösung erworben hat. Sein Sohn nahm unsere Sünden auf sich, damit wir die Gerechtigkeit haben können, die vor Gott gilt. Durch die Auferstehung Jesu hat Gott uns einen Weg frei gemacht, über den Tod hinaus in eine bessere Welt. Dort wird Gerechtigkeit wohnen. Dort wird es den ewigen Lohn für all unsere guten Taten geben, dort wird es auch die entsprechende Strafe geben, die alle gottlosen Menschen für ihre Vergehen und Schuld bekommen werden.

Hiob wird es noch einmal gut gehen. Er wird ohne Schmerzen und Krankheit, ohne Ängste und Zweifel in ewiger Herrlichkeit bei Gott wohnen; aber nicht, weil er so fromm und anständig war, sondern weil Jesus auch seine Schuld auf sich genommen und ihn erlöst hat.

Wir beten:
Herr, es gibt so vieles, was wir nicht verstehen, womit wir Probleme haben und wo wir meinen, es geschieht uns Unrecht. Hilf uns in unseren Krisen und Konflikten die Dinge nüchtern und mit Deinen Augen zu sehen. Wir wollen darauf vertrauen, dass Du noch alles gut machen wirst. Danke, dass Du unsere Schuld vergeben hast und uns eine herrliche Hoffnung auf den Himmel geschenkt hast. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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