Donnerstag, 23. Februar 2017
Predigtreihe über Amos– Teil 10 (Amos 6, 1 – 14)
Es war einmal ein sehr großer, starker Mann. Weil er wusste, dass seine physischen Kräfte ihm einen Vorteil verschaffen konnten, entwickelte er seine Muskeln weiter und trainierte fleißig seine Kampftechnik. Bald konnte ihm niemand widerstehen und alle fürchteten sich vor ihm. Leider nutzte er diese Furcht, um seine Mitmenschen zu unterdrücken, auszunutzen, einzuschüchtern und für sich arbeiten zu lassen. Er wurde gewalttätig, egoistisch und ungerecht. Was richtig und was falsch war, bestimmte in Zukunft er. Seine Meinung musste beachtet und respektiert werden. Obwohl man ihn hasste, konnte er doch ein sorgloses, bequemes und luxuriöses Leben führen- bis er eines Tages ein jähes Ende fand. Er wurde von einem kleinen, schwachen Jungen besiegt. -

Diese Geschichte ist nicht ganz erfunden. Sie ist inspiriert von dem Riesen Goliath aus dem alten Testament. Als ich die Reden des Propheten Amos im Kap. 6 las, musste ich an diesen Goliath denken. Vielleicht entdecken Sie auch einige Parallelen in unserem heutigen Bibeltext:


(6,1) Weh euch, ihr Sorglosen auf dem Berg Zion! Ihr Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria! Ihr Vornehmen Israels, des ersten aller Völker, bei denen die Leute Rat und Hilfe suchen!

(6,2) Geht doch in die Stadt Kalne, geht in die große Stadt Hamat und in die Philisterstadt Gat! Seid ihr vielleicht besser gerüstet als diese Königreiche? Oder ist euer Gebiet so viel kleiner als das ihre, dass ihr denkt, die Assyrer werden sich nichts daraus machen?

(6,3) Ihr meint, das Unheil sei noch fern - dabei habt ihr ein System der Unterdrückung und Ausbeutung eingeführt!

(6,4) Ihr räkelt euch auf euren elfenbeinverzierten Polsterbetten und esst das zarte Fleisch von Lämmern und Mastkälbern.

(6,5) Ihr grölt zur Harfe und bildet euch ein, ihr könntet Lieder machen wie David.

(6,6) Ihr trinkt den Wein kübelweise und verwendet die kostbarsten Parfüme; aber dass euer Land in den Untergang treibt, lässt euch kalt.

(6,7) Deshalb sagt der Herr, der Gott der ganzen Welt: »Ihr müsst als Erste in die Verbannung gehen und eure Gelage nehmen ein jähes Ende.«4

(6.8) Der Herr, der Gott der ganzen Welt, sagt: »Der Hochmut der Nachkommen Jakobs ist mir zuwider, ich hasse ihre prächtigen Paläste. Deshalb gebe ich Samaria dem Untergang preis mit allen seinen Bewohnern. Das habe ich, der mächtige Gott, bei mir selbst geschworen.

(6.9-10) Wenn irgendwo in einem Haus noch zehn Menschen übrig geblieben sind - auch sie müssen sterben.

(6,11) Der Herr wird einen Befehl geben und dann werden die Häuser und Paläste in Trümmer geschlagen, die großen wie die kleinen.

(6,12) Fährt man mit Ross und Wagen über Felsblöcke oder pflügt mit Rindern das Meer? Ihr aber habt das Recht in tödliches Gift verwandelt; und was ihr Gerechtigkeit nennt, ist bitter wie Galle.

(6.13) Ihr bildet euch etwas darauf ein, dass ihr die Stadt Lo-Dabar erobert habt. Ihr prahlt: »Wir haben Karnajim eingenommen, das haben wir aus eigener Kraft geschafft!«

(6,14) Aber der Herr, der Gott der ganzen Welt, sagt: »Ich werde gegen euch Israeliten ein Volk aufbieten, das wird euer Land in Besitz nehmen und euch unterdrücken von Lebo-Hamat im Norden bis zum Toten Meer.«

Diese ganze Rede möchte ich nur von einem Gesichtspunkt aus betrachten: Gottes Urteil über den Hochmut. Schon im ersten Vers wird das angedeutet: Weh euch, ihr Sorglosen auf dem Berg Zion! Ihr Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria!“ – Und dann in Vers. 8: „ Der Herr, der Gott der ganzen Welt, sagt: »Der Hochmut der Nachkommen Jakobs ist mir zuwider.“ Was der Hochmut bewirkt und wo er endet, dass wird in diesem Abschnitt deutlich.

Tatsache ist, dass es dem Volk Israel zur Zeit des Propheten Amos sehr gut ging. Das Land war reich, die Leute lebten im Luxus. Das kommt auch in unserem Bibelabschnitt zum Ausdruck. Da heißt es in Vers 4 „Ihr räkelt euch auf euren elfenbeinverzierten Polsterbetten und esst das zarte Fleisch von Lämmern und Mastkälbern.“ Und Vers 6 „Ihr trinkt den Wein kübelweise und verwendet die kostbarsten Parfüme.“ Und in Vers 8 „ich hasse ihre prächtigen Paläste.“ Wir sehen also, da war Reichtum, Wohlstand, ja Luxus überall im Land. Jedenfalls die Oberschicht lebte in prächtigen Palästen mit teuren Einrichtungen und gab sich der Genusssucht hin. – Aber es war nicht eigentlich der Reichtum, den Gott verurteilte, sondern die Einstellung der Leute, ihr Hochmut. Das ist es, was Gott hier verurteilt, nicht den Reichtum. Wenden wir uns also dem Hochmut des Volkes zu.

Wir sehen hier deutlich, woher der Hochmut kam, welche Auswirkungen er hatte und wohin er führen würde.

1.- Zunächst die Ursache für den Hochmut. Manchmal sind Menschen stolz und hochmütig und man fragt sich: Worauf? Anscheinend haben sie gar keinen Grund, sich über andere erhaben zu fühlen. Aber wenn sie auch in unseren Augen keinen Anlass haben, so besitzen sie doch in ihren Augen große Vorzüge. Im Vergleich mit anderen stehen sie besser da, sie sind ihnen überlegen. Das ist ihnen sehr bewusst und sie lassen es die anderen auch spüren.

Die hochmütigen Israeliten hatten auch eine Ursache, sich etwas einzubilden. Sie waren reich. Sie hatten Geld und konnten sich alles leisten, was sie wollten. Damit standen sie weit über den armen Leuten, die um ihre Existenz kämpfen und auf vieles verzichten mussten. Das Geld gab ihnen auch Unabhängigkeit, Ansehen und Macht. Was hätten sie mit ihrem Reichtum alles tun können?

Reichtum und Wohlstand stehen auch heute vielen von uns zur Verfügung. Wir haben mehr Geld als die meisten anderen. Was könnten wir alles mit unserem Reichtum anfangen? Es gibt viele Aufgaben in der Welt, zu deren Lösung man Geld braucht. Es gäbe so viel Gutes, was man mit seinem Geld anstellen könnte. Israel wurde stattdessen stolz, egoistisch und hochmütig. Und das gleiche geschieht heute noch mit vielen Wohlhabenden. Also, die Ursache für den Hochmut bei den Zeitgenossen des Amos war der Reichtum.

2.- Auswirkungen des Hochmuts. Oberflächlich betrachtet könnte es aussehen, als ob Gott gegen den Reichtum ist. In den Reden des Propheten Amos werden Missstände im Volk gezeigt, die durchaus auf den Reichtum zurück zu führen sind. Da ist einmal die Genussucht, das übermäßige Essen und Trinken und der Luxus. Zudem herrschen im Land auch Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Gewalt. Geld verdirbt leicht den Charakter. Es macht hartherzig, egozentrisch, habgierig. In Vers 3 sagt der Prophet: „Ihr habt ein System der Unterdrückung und Ausbeutung eingeführt!“ In Vers 12: „Ihr aber habt das Recht in tödliches Gift verwandelt; und was ihr Gerechtigkeit nennt, ist bitter wie Galle.“ – So könnte man meinen, der Reichtum habe die Leute verdorben. Und das ist sicher auch eine große Gefahr. – Aber was Gott in diesem Abschnitt eigentlich verurteilt ist nicht der Reichtum der Israeliten, sondern ihr Hochmut. Ihr Reichtum hätte viel Gutes bewirken können. Stattdessen brachte der Reichtum Hochmut und Stolz hervor. Und nun ist es dieser Hochmut, der das Land zugrunde richtet. Das Problem der Israeliten ist ihr Hochmut, der einen negativen Einfluss auf verschiedene Gebiete hatte:

Israel war reich und wohlhabend, gleichzeitig aber herrschte Gewalt, Ungerechtigkeit und Unterdrückung im Land. Amos kommt im Auftrag Gottes und warnt das Volk vor den Konsequenzen ihres Lebenswandels.

Nicht Reichtum und Luxus waren die Sünden, sondern der Hochmut, der seine Auswirkungen auf verschiedene Bereiche des Lebens erstreckte.

1.- auf die Gesellschaft. Der Hochmut der Reichen richtete eine Mauer im eigenen Volk auf. Die armen Leute hatten keine Chance im Leben irgendwie vorwärts zu kommen. Sie wurden unterdrückt und niedrig gehalten. Das führte zu einer Zweiklassengesellschaft. Die eine Hälfte hatte das gute Leben, die andere musste hungern und arbeiten.

2.- auf ihren Charakter. Dadurch, dass die Reichen so hochmütig waren, wurde ihr gesamter Charakter verdorben. Sie wurden egoistisch, hartherzig und selbstherrlich. Darum beginnt der Prophet seine Rede ja auch mit den Worten „Weh euch, ihr Sorglosen auf dem Berg Zion! Ihr Selbstsicheren auf dem Berg von Samaria!“ Die Bewohner des Landes waren nicht mehr fähig zur Nächstenliebe und zu Mitleid. Die Werte und Tugenden, die einen Menschen auszeichnen waren bei ihnen verloren gegangen.

3.- auf ihr Verhältnis zu Gott. Durch ihren Hochmut hatten sich die Israeliten von ihrem Gott entfernt. Sie brauchten ihn nicht mehr, sie gehorchten ihm nicht mehr, sie kümmerten sich nicht mehr um ihn. Ihre Bitten konnten sie sich selbst erfüllen. Danken brauchten sie niemandem. Sie behielten zwar ihre Gewohnheiten und Gottesdienste bei, aber für Gott waren sie ein Ärgernis. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres als eine hochmütige Haltung seinem Schöpfer gegenüber. Wie heißt es in 1. Petr. 5, 5? „ Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“

4.- und nicht zuletzt hatte der Hochmut der Menschen auch Auswirkungen auf die Zukunft und die Ewigkeit. Immer wieder droht Gott durch die Propheten mit Gericht und Strafe. So auch hier in Vers 6 und 7. „Aber dass euer Land in den Untergang treibt, lässt euch kalt. Deshalb sagt der Herr, der Gott der ganzen Welt: »Ihr müsst als Erste in die Verbannung gehen und eure Gelage nehmen ein jähes Ende.“

Oder in Vers 8 und 9 „Deshalb gebe ich Samaria dem Untergang preis mit allen seinen Bewohnern. Das habe ich, der mächtige Gott, bei mir selbst geschworen. Wenn irgendwo in einem Haus noch zehn Menschen übrig geblieben sind - auch sie müssen sterben.“

Oder weiter unten in Vers 14: „Ich werde gegen euch Israeliten ein Volk aufbieten, das wird euer Land in Besitz nehmen und euch unterdrücken von Lebo-Hamat im Norden bis zum Toten Meer.“ Dunkle Zeiten, Gericht, Sterben, Verlust und Leiden kommen auf die Menschen zu. Gott wird ihren Hochmut bestrafen und das Volk demütigen, bis es wieder zu ihm umkehrt oder untergeht.

Nun fällt uns in dem gelesenen Abschnitt und im ganzen Buch Amos auf, dass es immer wieder heißt: „Der Herr, der Gott der ganzen Welt, sagt: (Vers 7, 8, 14.)

Das wird wohl aus mehreren Gründen so betont.
1.- um den Prophezeiungen und Drohungen den nötigen Nachdruck zu verleihen. Hier spricht der Herr, der über die ganze Welt herrscht, der die Macht und Autorität hat zu richten und zu verurteilen.

2.- um Diskussionen auszuschließen. Bei ihm hilft kein verhandeln, kein diskutieren, argumentieren und keine Erklärungen und Ausreden. Der Gott der ganzen Welt kennt die Situation mit allen Motiven, Hintergründen und Umständen. Wenn er ein Urteil fällt, dann bleibt es dabei!

3.- um sich von den Götzen der Israeliten abzugrenzen. Hier spricht nicht irgendein Himmelsgott Sakkut oder Sternengott Kewan (die im Kap. 5, 26 erwähnt werden) sondern der Herr des ganzen Universums. Das ist der richtige und wahre Gott. Es ist nicht egal, welchen Gott wir anbeten. Es gibt nur einen, der über allen steht.

4.- um sein Verhältnis zum Volk Israel zu zeigen. Israel war sehr hochmütig geworden. Das Volk dachte, es sei die oberste Autorität. Der Mensch und sein Wohlergehen standen im Mittelpunkt. Sie wollten niemanden über sich anerkennen, sich keinen Geboten und Grenzen beugen. Nun erinnert sie Gott daran, wie klein und unbedeutend dieses Völkchen eigentlich ist.

Zum Schluss möchte ich noch eine mehr persönliche Frage anschneiden: Was können wir tun, um nicht selber in den Sog des Hochmutes zu geraten? Oder wie kommen wir aus dieser Selbstüberschätzung heraus?

Leider ist es ja so, dass wir es meist selbst gar nicht merken, wenn wir überheblich und eingebildet sind. Wir halten uns selbst für gerecht und fehlerfrei und schauen auf die anderen herab. Unsere Mitmenschen merken es aber sehr wohl, welche Einstellung wir haben. Und niemand liebt einen hochmütigen, eingebildeten Zeitgenossen. Außerdem bereiten wir uns selbst manchen Ärger, wenn wir meinen, wir hätten etwas Besseres verdient, weil wir so wichtige Personen sind.

Einige Hinweise dafür, ob wir hochmütig sind erhalten wir, wenn wir:
1.- unsere Gedanken beobachten. Wie denken wir über andere Menschen? Über ihre Schwächen und Fehler oder über ihre Stärken, Begabungen und ihren Erfolg? Vielleicht wissen wir, dass wir bestimmte negative Dinge über andere nicht sagen dürfen. Aber unsere Gedanken kann ja niemand lesen. Und in diesen Gedanken können wir andere kritisieren, verurteilen, oder ihre Vorzüge schmälern und verachten.

2.- auch an unseren Worten und Bemerkungen über andere Leute können wir erkennen, ob wir hochmütig sind und uns über sie stellen, oder ob wir demütig sind und uns selbst gering achten.

3.- an unseren Reaktionen auf bestimmte Berichte oder auf die Taten, Ansichten oder Entscheidungen anderer können wir sehen, wie überheblich und eingebildet wir sind.

Wir haben wohl alle mit dem Problem des Hochmutes zu tun. Bei einem ist es sehr auffällig, beim anderen weniger, bei dem einen betrifft es nur ein bestimmtes Gebiet bei einem anderen ist es ganz allgemein. Gegen den Hochmut können wir nur etwas unternehmen, wenn wir ihn bei uns erkannt und benannt haben. Aber selbst dann, sind unsere Möglichkeiten beschränkt.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir uns immer wieder daran erinnern, wo wir herkommen und wer wir wirklich sind. Es gibt da nicht vieles, worauf wir stolz sein können und was wir wirklich selbst erworben und verdient hätten.

Es kann uns helfen, uns immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was Gott für uns getan hat. Im Grunde ist alles Gnade und Geschenk Gottes: unser Leben, unsere Gaben, unsere Erfolge, alles! Insofern sollte es für einen Christen leichter sein, sich vor dem Hochmut zu hüten. Ein Atheist muss sich alles Gute selber zuschreiben und ist dadurch viel anfälliger für Stolz und Überheblichkeit.

Sicher ist es nötig, dass wir unseren Hochmut bekämpfen. Aber unser Einfluss und Disziplin hat hier Grenzen. Allzu sehr brauchen wir uns aber auch nicht um ein demütiges Herz zu bemühen. Gott muss unseren Stolz brechen. Und ER wird es auch tun. Er kennt viele Mittel und Wege um uns zu demütigen und klein zu halten. Wichtig ist nur, dass wir nicht gegen IHN rebellieren wie das stolze Volk Israel, sondern willig unsere Lektionen lernen.

Wir beten:
Herr, sicher haben wir Dich oft mit unseren Gedanken, Worten und Reaktionen verletzt und Dir nicht die Ehre gegeben, die Dir gebührt. Danke, dass Du uns trotzdem liebst. Danke, dass Du uns heilen und vor den negativen Folgen der Überheblichkeit bewahren willst. Schenke uns ein demütiges, gehorsames Herz. Amen.

Rüdiger Klaue

Weitere Predigten von Rüdiger Klaue findest Du unter http://www.rklaue.com/

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